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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band | |
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Vom kalten, herzlosen Norden rühmt man die eiserne Kraft; vom schwächlichen Süden die goldene Sonne; jeder von den Ländern die Hauptstädte, in diesen die Thürme und Denksäulen, die Tempel und Paläste; – jeder Reisende erzählt von Dampfschiffen und Eisenbahnen, Theatern, Gemäldegallerien und Kunstsammlungen, Strömen und Kanälen, Seen und Alpen, und der Buchmacher beschreibt all das hundert Mal Beschriebene noch einmal. Damit ist kein Dank zu verdienen. Ich glaube, es ist besser, sich weniger nach Dingen umzuschauen, als nach den Menschen, lieber statt der Heiligenbilder Männer zu betrachten, denen Gott sein Siegel auf die Stirn gedrückt hat, und statt den Flitterprunk der Paläste zu bewundern, kühn den Schleier von Verhältnissen und Zuständen abzuziehen oder Das mit der Fackel des kecken und scharfen Urtheils zu beleuchten, was sich im Finstern zu verbergen strebt. In diesem Sinn habe ich immer beobachtet und geschrieben, und ich bin nie froher, als wenn ich auf meinen Wanderungen einen großen Menschen treffe, den der Pulsschlag meines Herzens schon lange begleitet, dem ich einen Theil des kleinen Schatzes meiner Bildung verdanke, vor dem sich meine Seele in Ehrfurcht beugt: der Unsterblichen Einen, die wirkend durch alle Zeiten gehen – einen der wahren Erdensendlinge Gottes.
Einen solchen führt uns das Bild hierneben vor das geistige Auge. – In Genf ward ein Mann geboren, der, wie Moses und Konfuzius, auf der Scheide der Zeiten steht: der Mann, der die alte Welt abgethan hat mit ihren Gräueln und ihrem Moder, und der neuen Welt mit ihren Hoffnungen und ihrem Wesen, ihrem Gebären und ihrem Bilden, ihrem Blühen und ihrem Früchtetragen, ihren Schätzen und ihren Heiligthümern das „Werde!“ zurief; der Mann, von dem die Ideenwanderung ausgegangen ist, die, wie einst die Völkerwanderung das Alterthum, die geistliche wie die weltliche Macht, die Hierarchie wie die erbliche Alleinherrschaft, vernichtet; das Lichtgestirn, mit dem die Menschheit in ihren Völkerfrühling tritt und unter dessen Einfluß sie mit verjüngter Kraft, der Ketten ledig, ihrer höhern Bestimmung zuschreitet.
Der Mann war Rousseau.
Ich lasse nun einen Andern[1] reden. „Rousseau’s Einfluß auf sein Zeitalter und das nachfolgende Jahrhundert war nicht minder groß in Bezug auf die Verhältnisse der bürgerlichen Gesellschaft, als derjenige der theologischen Reformatoren auf das kirchliche Leben des sechzehnten Jahrhunderts gewesen war. Er hatte den Muth
- ↑ Zschokke’s Schweiz, 2r Band.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1847, Seite 115. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_12._Band_1847.djvu/123&oldid=- (Version vom 1.4.2025)