Seite:Meyers Universum 12. Band 1847.djvu/126
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band | |
|
|
Baumpflanzungen, Dörfern und Gütern, Alleen, Gehölzen, Gärten und Parks, buhlen tausend Gegenstände, einer reizender als der andere, um die Bewunderung des Schauenden. Auf der Schweizerseite erhebt sich das Gestade stufenweise „wie ein ungeheueres Blumengestell“ bis zu den letzten Höhen mit zahlreichen Ortschaften, welch, breite Chausseen, eingefaßt von breitwipfeligen Obstdäumen, oder schlanken Pappeln, wie so viele Bänder verknüpfen. Gegenüber aber, auf dem savoyischen Gestade, thürmen sich in ununterbrochener Folge Felsmassen und Berge bis zu den fernen, im Eispanzer schimmernden Riesen auf, deren Häupter, hoch über die Wolken ragend, ernst in die Fluth herabschauen.
Im Sommer ist die Umgebung des Sees der Sammelplatz der Wanderkolonen, – jener zahlreichen Schaaren aus Frankreich, England, Rußland, Deutschland, Polen, Amerika etc., welche das Vergnügen als Lebenszweck verfolgen, oder in stiller Ruhe sich der Zurückgezogenheit erfreuen wollen. Jene Villen, die stolz und groß und frei auf den Terrassen prangen, und die niedlichen Cottages, welche sich in Obstwäldchen und unter Reben verstecken, empfangen dann ihre Bewohner. Ein Kreis der edelsten Geister kommt hier jedes Jahr aus Nah und Fern zusammen und gibt der genfer Gesellschaft Frische, Glanz und Heiterkeit.
In seinem geistigen Leben liegt Genfs höchster Ruhm.– Man darf nur die Namen Rousseau, Voltaire, Byron, Matthisson nennen, an Calvin erinnern und an Lefort, der den Genius des großen Czars weckte und mit diesem vereint die erste Saat der Civilisation in die nordische Barbarei gestreut hat. Hier lebten, wohnten oder hatten ihre Heimath die großen Männer der Wissenschaft und des Patriotismus: De Luc, Reaumur, Bonnet, Saussüre, Say, Mallet, Necker, die Staël, Decandolle, Sismonde-Sismondi, Eynard u. s. w.; ja es ist keine Straße Genfs, wo man nicht dem Fremdling ein Haus zeigen könnte, da ein Mensch gewohnt, den die Welt kennt und hoch schätzt, oder dessen Ruhm sein Grab Jahrhunderte überdauert.
Genf ist aber auch ein Herd des Gewerbfleißes, und die allgemein verbreitete Bildung, der feine Geschmack und der hohe Kunstsinn finden in demselben ihre praktische Anwendung. Die genfer Juwelierarbeiten sind durch die Schönheit der Formen weltbekannt und beschäftigen Tausende von Händen. Die blühendste Industrie ist die Fabrikation der Uhren. Man überläßt das Fertigen der geringern Gattungen den Nachbarstädten, Chaux de Fonds, Locle, Neufchatel u. s. w., und macht hier fast nur goldene, von denen jährlich über 70,000 Stück in alle Welttheile versendet werden.
In unsern Tagen sind auch in Genf die Elemente des politischen Lebens zur Gährung gekommen und in die große Strömung der Zeit getreten. Geläutert und gereinigt werden sie aus derselben hervorgehen. Wo ein so reicher Brunnquell des Volksglücks fließt, wie in Genf, kann der Zwiespalt der Meinungen niemals ausarten, und auch hier wird der Streit damit endigen, daß sich die Parteien die Hand reichen zur Neubefestigung der Errungenschaften, auf deren Boden das Glück des Ganzen so lange geblüht hat.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1847, Seite 118. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_12._Band_1847.djvu/126&oldid=- (Version vom 5.4.2025)