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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band | |
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Bergbaus verlieren sich die Sagen von unermeßlichen Schätzen, welche Kobolde hüten und Geister schirmen, und jede Generation der nachfolgenden wieder erzählt.
Eine Besteigung des Glockner geschieht am bequemsten von Süden her, durch das große Möllthal, welches bis in die Mitte der herrlichen Gruppe führt. In dem letzten Pfarrdorfe, Heiligenblut, nimmt man einen Führer. Schon nach kurzem Steigen entfaltet die Alpennatur ihre Pracht und versetzt in eine feierliche Stimmung. Katarakte rauschen die Thalwände herab, der Gießbach donnert durch die Schluchten und Einstürze und Bergrutschen verrathen die Gewalt der wirkenden Kräfte. Als Gegensatz erfreuen saftige Matten mit den grasenden, läutenden Heerden, mit Weilern und Gehöften, deren reinliches, wirthliches Äeußere auf stilles, friedliches Glück im Innern deutet. Wie sich das Thal verengert, hängt sich der Blick sehnsüchtig an seine oberste Spalte; er sucht den Riesen, das Ziel der Bergfahrt, und kaum hat ihn der von einer hohen Wand herabhängende Schleier eines Staubbachs, oder der imposante Sturz der Ache auf kurze Zeit gefesselt, so fliegt er schon wieder hinauf und fragt bei jedem sich zeigenden Schneehaupt – ob das der Glöckner sey? Fast an des Thales Ende steht einsam in dem Erlendunkel ein graues gothisches Kirchlein und ein hoher Felsendamm dahinter scheint das Thal zu verriegeln. Steil zieht die gewundene Straße an denselben hinan unter dem Brüllen des Gießbachs, welcher sich, wüthend und bäumend, in die Tiefe stürzt und mit seinem schäumenden, aufspritzenden Gischt dir Haut und Kleid netzt. Endlich stehst du oben auf der hohen Thalstufe und aufgerollt liegt vor dir eine Alpenwelt, die Alles übertrifft, was du dir Herrliches gedacht hast. Das ist er – der Glockner leibhaftig, – und um ihn die Trabanten, die Hörner und Spitzen, wie die Diener eines großen Herrschers.
Von Thalstufe zu Thalstufe, von Felsendamm zu Felsendamm dringst du nun, vom Anschauen des Ziels gestärkt, näher und näher. Krummholzkiefern grünen auf der Matte und das Alpenröschen blüht am Wege: du hast die Sennerregion erreicht, und die regellos zerstreuten Hütten mit den weidenden Rindern bringen Leben und Mannichfaltigkeit in die Bilder. Endlich schwindet auch der letzte Strauch aus dem Thale und eine neue Wunderwelt öffnet die Pforte. Der blendende Eispalast eines Riesengletschers thürmt sich auf und quer durch das weite Hochthal siehst du schimmernd in vielen Farben eine ungeheuere Eismauer aufgerichtet, auf deren Zinnen die bildende Natur Thürme, Pyramiden und Obelisken hingestellt hat. Tiefe Spalten und Klüfte trennen das durchsichtige Gestein bald da, bald dort, und vom lichtesten Aquamarin bis zum dunkelsten Malachitblau schimmert’s und strahlt’s an den Kanten. Staunend hängt dein Blick an dem Niegesehenen und Unbegreiflichen; – ein hoher Thurm auf der Zinne, der dich eben fesselte, er beginnt jetzt zu wanken, er neigt sich, und mit einem Krachen, das dem Donner eines nahen Gewitters gleicht, stürzt er hinab und schleudert mächtige Eisstücke weit im Thal umher. Jenseits der Mauer ist eine prächtige Matte mit Sennhütten – eine Oase in
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1847, Seite 122. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_12._Band_1847.djvu/130&oldid=- (Version vom 5.4.2025)