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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band | |
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einer Wüste von Gletschern, – denn rundum siehst du sie zwischen den dunkeln Felsmauern herabsteigen, und fort und fort rollen ganze Massen von Eis aus den Höhen und bestreuen die Ränder der Alp mit ihren Trümmern. Alle Eigenthümlichkeiten des Gletscherlebens findest du hier am Wege: die seltsamen Gletschertische; die den Ziehbrunnen gleichenden Löcher mitten im viele Klafter dicken Eise mit dem klarsten Wasser; die gähnenden Spalten, welche, meergrün schimmernd, oft in unergründliche Tiefen hinabreichen; das Rauschen der unsichtbaren Gewässer inmitten der Eisschichten; die Hallen und Dome, funkelnd und strahlend im Sonnenlichte, aus deren geheimnißvollem Innern die Gletscherbäche hervorbrechen, und dicht daneben die aus Granitblöcken fest zusammen gemauerten Sennhütten mit den traulichen Rauchwölkchen über dem Dache, den zwischen den Eisblöcken grasenden und kletternden Ziegen, der melkenden Sennerin, oder dem Senner, jodelnd, oder die Schalmey blasend. – Das Krachen des spaltenden Eises schallt wie Freudensalven drein, die große Natur und ihren Meister zu feiern.
Zwischen umherliegenden Gletschertrümmern und Granitblöcken leitet der Führer nun hinan auf das eigentliche Eismeer. Stundenweit dehnt es sich aus und du glaubst nicht anders, als daß ein See hier in dem Augenblick erstarrt sey, als ein Orkan seine Wogen peitschte. Ueber ihm ragt in ruhiger Majestät der 13,400′ hohe Glockner selber, angethan mit dem blendend weißen Schneegewand, welches der Firn in den wunderlichsten Falten um seinen granitnen Leib gelegt hat. Die völlige Abgeschlossenheit von der Welt und die Eingeschlossenheit in dem ewigen Winterreiche verleiht dieser Scene einen eigenthümlichen Reiz. Wunderbar reflektirt das Licht des sinkenden Tags an den Eis- und Schneemassen; doch am herrlichsten wird das Alpenbild, wenn die Sonne untertaucht und von ihren letzten Strahlen die weißen Häupter der Berge rosenroth erglühen. Das ganze Eismeer ruht dann schon im blauen Schatten, und während die tieferen Kämme und Gräten sich in mattes Grau einhüllen und ihre Fernen sich in Undeutlichkeit verlieren, verglimmen die Kerzen der höchsten Spitzen, eine nach der anderen, und wie eben die letzte erloschen ist, da legt sich ein todtenblasser eiskalter Ton auf das Gefilde, wie ein Bahrtuch, und der schneidende Wind, welcher über die Eisfelder hinfährt, wirkt erstarrend auf alles Lebendige. Schon willst du, tief in deinen Mantel eingewickelt und von Frost geschüttelt, Schutz suchen in der kleinen Hütte bei der Felswand, welche den Besteigern des Glöckner ein nothdürftiges Obdach gibt, als du ein neues Leben erwachen siehst. Die höchsten Bergspitzen, so blaß und todt vor wenigen Sekunden, lichten sich, das Blut tritt auf ihre Wangen, sie röthen sich wieder, die Ränder blitzen und bald glüht der ganze Eispalast in nie gesehener Pracht. Was ist das? fragst du verwundert und weißt es nicht zu fassen. Morgenroth kann es nicht seyn; denn am Abend steht ja der Morgen nicht auf. Indem du noch sinnst – da erlöscht’s schon wieder, die Zinnen erblassen und der Nachtwind heult der gestorbenen Natur sein schauerliches Grablied. Es war nur das letzte Auflodern des Sonnenlichts hinter dem Horizonte, der Widerschein der Abendröthe, — ein Scheinleben, flüchtig
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1847, Seite 123. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_12._Band_1847.djvu/131&oldid=- (Version vom 5.4.2025)