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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band | |
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Wer zur Saisonzeit durch die prachtvollen Säulenhallen, durch die Promenaden und englischen Anlagen, durch die in feenartigem Glanze schimmernden Säle des Kurorts Baden-Baden wandelt, vergißt, daß er sich in einem Landstädtchen befindet, welches einem kleinen deutschen Fürsten angehört: er fühlt sich in eine Hauptstadt des Kosmopolitismus versetzt, in welcher die sogenannte Elite der Nationen unsers Welttheils ein Lustlager aufschlug. Allenthalben, in Promenaden, an Buden und Laden, in Hallen und Sälen, an Menschen und Thieren siehst du die ausgesuchteste Pracht zur Schau gestellt, Lust und Genuß sind die Firmen auf allen Schildern und Stirnen, und wenn mitunter ein Kranker in einfachem Gewande zwischen der rauschenden Menge dahin schleicht, so ist dieß nichts Störendes; liegt doch der Gedanke nahe, daß auch anderwärts nicht lauter Gesunde wohnen.
Und wer sind die Hunderte und Tausende, welche die wandelnde Bevölkerung dieses Ortes bilden? Wer sind diese glücklichen Menschenkinder, welche, unbekümmert über das Links und Rechts mit seiner Sorge und seiner Noth, harmlos der Zukunft entgegentanzen? Wer sind die Vollbürger in diesem Schlaraffenlande?
Antwort: Die Aristokratie Europa’s, die Aristokratie nach allen ihren Abstufungen, von der der Geburt und des Geldes an bis hinauf zur Aristokratie des Genies. Denn hier haben ihre Vertreter sowohl die feinste Bildung, wie die Aufgeblasenheit der hohlen Arroganz, das körperliche Siechthum, wie die geistige Zerfahrenheit und die trostlose öde Blasirtheit, und rings um die Peripherie dieses Kreises zieht die Gewinnsucht eine doppelte Mauer, während zwischen allen Radien hin die Gaunerei ihre Schleichwege bahnt.
DaS durch Jahrhunderte klug und keck durchgeführte Streben der Gewaltigen in der Vernichtung aller der reinen Natur entkeimten Verhältnisse in Staat, Kirche und Familie erblickt hier sein glänzendes Resultat zu einem Gesammtbild vereinigt, wie es kaum ein anderer Punkt Europa’s in so engem Rahmen darbieten kann. In diesem Spiegel sieht die alte Europa, was unter Kamm und Scheere der Höfe und deren Schleppenträger, Adel, Pfaffen und Beamten, endlich aus ihr geworden ist.
Betrachtet diese Elite der Gesellschaft recht in der Nähe, tretet in ihre Privatzirkel, begleitet sie auf die Promenaden und auf gemeinsamere Ausflüge zu den nahen zahlreichen Lustorten, folgt ihnen in die Säle zu Bällen
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1847, Seite 133. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_12._Band_1847.djvu/141&oldid=- (Version vom 5.4.2025)