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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band | |
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Conversation. So feine, vornehme Leute, die von ihrer Höhe auf das Volk tief herniedersehen, gewiß bewegen ihre Gedanken sich stets in edelster Haltung um die erhabensten Gegenstände; gewiß erkennen und durchforschen sie, denen der Staaten Lenkung bis daher allein in die Hand gegeben war, die Mittel zur Menschenbildung und Volksbeglückung; gewiß sind sie mit den Schöpfungen unserer großen Geister, mit den Meisterwerken der Künste, mit den Fortschritten der Wissenschaften, mit den Bewegungen im Völkerverkehr innig vertraut und in ihren Kreisen darauf bedacht, mit ihren reichen Mitteln allenthalben zu helfen und zu fördern. Denn wem viel gegeben ist, von dem wird man viel fordern. – Weit gefehlt! Es gab eine Zeit, wo man allerdings den Schein einer solchen Höhe von Bildung und Gesinnung für die Aristokratie zu retten wünschte; als der Schein durchsichtig wurde, hielt man es nicht mehr der Mühe werth, der Kanaille gegenüber sich zu verstellen. Und so erkannte man bald genug in dem Salongeflüster das fade Geschwätz, die hohle Wortklauberei, das Spiel mit glatten Schmeicheleien, jene Zungentändelei, über welche männiglich sein Entzücken zu gestehen pflegt, während die ganze Gesellschaft sich gegenseitig in möglichste Entfernung wünscht. – Seht sie an langen, von Geld und Silber schimmernden Tafeln sitzen, seht sie im Ballsaale in den von Edelgestein funkelnden Reihen stehen, immer klirrt die Fessel der Etikette um die hochwohl- und hochgebornen Glieder; seht sie in geschmackvoller Einfachheit zu einem Gotteshause, seht sie in gewähltem Kostüm in die freie Natur eilen, immer regelt der strenge Zollstab des minutiösesten Anstandes jede Bewegung der Hand und gestattet keiner Herzensregung ihren unmittelbaren Ausdruck; nur am Spieltisch, wo die Leidenschaft jene Bande zerreißt, und wohl in der Einsamkeit, aber nur in der sichersten, tritt nackt hervor der Regent dieses bis zur Wurzel verunstalteten und aller Ursprünglichkeit entfremdeten Lebens.
Ja, so weit hat sich das Leben dieser Aristokratie in der Zeiten Lauf von den Gesetzen der Natur entfernt, so tief ist die Kluft zwischen dem, was die Vernunft gebietet, und dem, was das Herkommen, die Hofsitte und die Sucht, anders zu seyn und sich anders zu gebärden, wie das Volk, geworden, daß die Erscheinung einer Mannes- oder Frauengestalt, wie des Volks gesund erhaltener Sinn sie achtungswürdig preist, zu den Ausnahmen der exclusiven Kaste gehört, und daß die Verstellung, das falsche Wesen, die Lüge die zerrissenen Fugen derselben nothdürftig zusammenhalten muß. Gleich den Volksbedrückern des Morgenlandes sog die Mehrzahl der Leute dieser Kaste am Marke des Volks, aber ärger noch als jene, weil kleinlicher, habgieriger und bedürfnißreicher, spekulirten sie auf den Pfennig des Volks, mochte er aus den Staatskassen oder auf noch leichterem Wege zu erlangen seyn. Die einträglichsten Posten besetzten sie; wie die Aemter verwaltet wurden, war in den meisten Staaten ihre geringste Sorge. Mußten doch selbst neue Aemter geschaffen werden, wenn Einer von altem Adel nicht anders „standesmäßig“ unterzubringen war. Und dennoch sah bis noch vor wenig Wochen ein der Art aus dem Volksbeutel genährter Mann der Aristokratie mit hoch erhobenem Halse auf die „Bürgerlichen“
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1847, Seite 135. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_12._Band_1847.djvu/143&oldid=- (Version vom 5.4.2025)