Seite:Meyers Universum 12. Band 1847.djvu/152
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band | |
|
|
er seine Glieder reckt und umwendet, die Welt erzittern macht, daß alle Throne wanken? den Heros, der nur den Arm zu heben braucht, um den Welttheil aus seinen Ketten zu erlösen? Dies das eine Bild der pariser Welt, – und dann das andere, wo das Volk die Tuilerien stürmt; dort Larven, hier Wesen der Wirklichkeit; dort die Lüge, hier die Wahrheit; dort die Jäger der Lust, hier der Blousenmann bei harter Todesarbeit; dort der Fanatismus des Vergnügens, hier die lebensverachtende Begeisterung für die Freiheit: – bei der Betrachtung beider Bilder wird es einem klar, daß es zwei Völker in Paris gibt, die nichts miteinander gemein haben, als – den Namen. Und wie in Paris, so in Berlin, so in Wien. Wer hat hier auf den Barrikaden gestanden? war’s das Volk der Salons, der Oper und der Logen, oder war’s das Volk der Werkstätte und der Straße? – Das ist immer so gewesen und wird auch künftig immer so seyn. Behüte uns in Deutschland nur der Volksverstand vor den dummen Streichen, welche die Franzosen in den Kinderjahren ihrer Freiheit machten, damit wir nicht, wie sie, die Revolution dreimal von vorn anfangen müssen, um die errungene Freiheit aus der Salon- und Larvenwelt zu retten, die sie aus den Armen des Volkes zu sich lockt, um – sie zu erdrosseln. Wir sind leider auf dem besten Wege, es mit einer „besten Republik“ à la Louis Philippe zu versuchen. An Talenten für die Rolle des Bürgerkönigs hat Deutschland keinen Mangel und deutscher Glaube ist stark.
Die neue Welt ist der alten Tod, und als wäre in jener ein neues Eden aufgethan, so wandern Millionen fort und Millionen, die nicht selbst wandern können, weisen Amerika ihren Kindern und Enkeln mit den Worten: „Seht dort die neue Heimath!“ Wem ist’s zu verdenken? Wem können unsere Zustände gefallen? und wer kann die Möglichkeit ihrer Fortdauer ertragen? Rastlos, wie vom bösen Geist besessen, jagen sich ja in Deutschland die Dinge und Menschen durcheinander und an ein Ordnen ist bei diesem Widerspiel unversöhnlicher Kräfte nicht zu denken. Alle Halbheit hat von jeher zum Verderben geführt und jetzt schon sehen wir Alle ein, daß uns nur die volle Freiheit was nützen kann. Niemand kann Feuer und Wasser mengen – und doch vertragen sich diese beiden
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1847, Seite 144. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_12._Band_1847.djvu/152&oldid=- (Version vom 5.4.2025)