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DXXXXVI. Speyer.




Jedes Volk hat in dem Lande, in welchem es lebt oder seinen Ursprung sucht, eine heilige Stätte, einen Berg oder eine Au, einen Strom oder eine Stadt, einen Wald oder eine Quelle, um die es den goldenen Reif seiner schönsten Sagen und Geschichten legt. So ist Auge und Herz des deutschen Volks vorzugsweise dem Rheine zugewandt seit uralter Zeit. Der Rheinstrom mit seinen Gauen, Städten, Domen, Burgen und Klöstern bleibt des Deutschen liebste Sehnsucht, vom begeisterten Jüngling bis zum berechnenden Mann und träumenden Greis erkennen Alle in dem mächtigen Schiffeträger die kräftigste Ader des deutschen Lebens, und als ob seine Fluthen an jedes Herz auch in den entferntesten Theilen des Vaterlandes schlügen, hallen die Lieder vom Rhein und seinen Sagen und seinen Reben an den Ufern aller deutschen Ströme wider.

Am Rhein ist unser klassisches Land. Von den Alpen bis zum Meere reiht sich an ihm Stätte an Stätte, die im Verlaufe der Jahrhunderte die Blicke des gesammten Vaterlandes auf sich gezogen haben und deren Namen als Wegsäulen in unserer Geschichte stehen. Dort kämpften die germanischen Stamme ewigen, unversöhnlichen Krieg mit dem römischen Weltreiche, und dort stürmten sie seine Burgen und errangen sie die großen Siege, welche ihnen zu dem Kapitol selbst den Weg bahnten. Dort gründete die deutsche Wissenschaft ihre ältesten Sitze, dort entfaltete sich die deutsche Kunst zur ersten Blüthe, dort hat sie ihre Meisterwerke hingestellt, die noch jetzt die Bewunderung der Völker sind; am Rhein druckte Guttenberg das erste Buch; am Rhein fanden deutsche Gewerbe den fruchtbarsten Boden und verbreitete den Ruf von der Kunstfertigkeit und dem Fleiße der Bewohner über weite Länder; Schiffer und Winzer erfüllten das gesammte Rheinland mit den lockenden und fesselnden Bildern der Rüstigkeit und des Frohsinns; starke und schöne Städte zeugten von Wohlstand und Bildung und in der Mitte der mächtigen und freiheitstolzen Bürger schlugen Kaiser und Fürsten ihre glänzenden Sitze auf. Aber leider! auch die Blätter der Trauer und Unehre in den Jahrbüchern unseres Volks sind bedeckt mit rheinischen Namen. An keiner anderen Grenze des Reiches treten dem Deutschen Merksteine von so schlimmer Bedeutung vor Augen, als in den rheinischen Landen. Hier liegen vor aller Weit die Zeugnisse von der Zerrissenheit der Nation und der Ohnmacht und Schlechtigkeit ihrer Fürsten; hier kündigen die Burgtrümmer auf den Bergen von dem Elend des ungeschützten Volks in den Thälern; hier erzählen die grauen Prachtbauten der Städte von der einstigen Macht des später so schmählich niedergetretenen Bürgerthums; hier sehen wir die von Gott den Völkern durch die Sprache gezogenen Grenzen verwischt, verschoben und zerschnitten, und Hunderte von Schutthaufen und