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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band | |
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Brandstätten bewahren die Spuren vom Schwerte siegreicher Eroberer, vor denen sich das deutsche Volk, vom eigenen Blute verlassen und verrathen, beugen mußte, und der Rhein gab dem Gipfel deutsch-fürstlicher, volksverrätherischer Niedertracht und Schande – dem Rheinbunde – seinen Namen.
Besonders schmerzliche Gefühle über die Verwahrlosung und Verkümmerung der Nationalehre erregen dem Deutschen zwei Ruinen an den Ufern des Rheins – (Ruinen nennen wir sie im Vergleich ihrer kleinen Gegenwart zu ihrer erhabenen Vergangenheit) – Worms und Speyer: Worms, groß gezogen durch die Gunst der Kaiser, die gern hier lebten, und Speyer, gepflegt vom frommen oder ängstlich gläubigen Sinn der Gekrönten, die sich im Kaiserdom ein Grab bestellt hatten.
Von Worms hat unser Buch bereits Bild und Wort gebracht. Zu der andern Denksäule deutscher Schmach leitet die Stahlplatte, welche uns den einzigen Zeugen vorführt, der von dem großen, blühenden, alten Speyer übrig ist: den Dom. Kaiser Konrad II. legte am 12. Juni 1030 den Grundstein zu diesem Prachtbau, um den Himmel zu versöhnen, der ihn, wegen seiner nahen Verwandtschaft mit seiner Gemahlin Gisela, nach dem sprichwörtlichen Ausdruck des Volksglaubens mit „Sterben und Verderben ohne Erben“ drohen mußte. Konrad und Gisela und ihr Sohn Heinrich III. waren die ersten in der Gruft des Doms, dessen Bau Heinrich IV. vollendete; diesem aber gönnten seine beiden bittersten Feinde im Leben, die Kirche und sein Sohn, erst lange nach seinem Tode die Ruhe in den selbst gebauten Hallen der Verwesung. Mit ihrem Sohn bestatteten sie hier den letzten Salier. Neben ihn legten sie seine treue Bertha, von deren Häuslichkeit und Fleiß noch jetzt das Sprüchwort Kunde gibt: „Die Zeit ist vorbei, wo Bertha spann.“ Aus dem hohenstaufischen Geschlechte wurden die Kaiserin Beatrix, des Rothbarts Gemahlin, und Philipp von Schwaben hier bestattet; zu ihren Särgen reiheten sich der Rudolfs von Habsburg, der seines Sohnes Albrecht und endlich jener Adolfs von Nassau.
Man wartet die Ruhestätte großer Todten mit Liebe und Sorgfalt und umgibt sie gern mit dem Glanz, welchen Kunst und Reichthum verleihen können. Die Früchte dieser Pietät der Kaiser und des Reichs gegen die dahingegangenen Herrscher kamen der kaiserlichen Todtenstadt zu Gute und erfüllten sie mit Leben und Gedeihen. Das freie Speyer wurde groß und schön und stark, feste Mauern schirmten die stattlichen Wohnungen und tapfere Bürger trotzten jedem Feinde. Lag doch schon im Jahre 1129 Kaiser Lothar mit seiner Heeresmacht vergeblich vor seinen Wällen! Und noch zwei Jahrhunderte später gelang es weder den Raubrittern der Nachbarschaft, noch dem Verrathe der Patrizier, den Muth der wachsamen Bürger zu brechen, ja selbst der noch mächtiger, Feind, welcher in den verrätherischen Bischöfen Adolf und Rabanus gegen sie aufstand, zerstob vor den wohlgerüsteten Vertheidigern der reichsstädtischen Freiheit. Die Zeit vollster Blüthe und höchsten Glanzes genoß Speyer im Verlaufe des sechzehnten Jahrhunderts : es wurde Sitz des Reichskammergerichts (1513) und sah den Reichstag von 1529, welcher den Protestanten ihren Namen gab, innerhalb seiner Mauern. Mit dem siebenzehnten Jahrhundert beginnt das Sinken der Stadt. Der dreißigjährige Krieg beschleunigte ihren Verfall, indem
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1847, Seite 152. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_12._Band_1847.djvu/160&oldid=- (Version vom 6.4.2025)