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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band | |
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in gegenseitigen Fehden das Mark des Landes aufzehrten und beutelustigen Stärkeren in die Hände lieferten. In diesen Wirren war es den Pfaffen ein Leichtes, ihre Herrschgelüste zu befriedigen, und die Bischöfe, im Bunde mit der kaiserlichen Macht, kamen zur Gewalt, die sie mit den kaiserlichen Statthaltern, den Grafen von Holland, theilten. Doch sträubten sich die Friesen noch lange Zeit, das Joch anzuerkennen, und erst 1457 kam ein Vertrag zu Stande, kraft dessen sie wieder eintraten in den deutschen Reichsverband, welchen sie seit 500 Jahren verlassen hatten. Dieser Schritt reuete sie bald; nun aber vergeblich. Nachdem sie sich nutzlos der Erbstatthalterschaft des Herzogs Albrecht von Sachsen und seiner Nachfolger zu erwehren gesucht hatten, kam Westfriesland 1523 durch Herzog Karl von Geldern an Karl V., wurde ein Theil des burgundischen Erbes und hat seitdem die Schicksale der Niederlande getheilt. Immer aber bewahrten die Friesen den tapferen Sinn ihrer Altvorderen, waren würdige Genossen der Siege der holländischen Fahnen und blieben allezeit eines besseren, als des ihnen gefallenen, Looses würdig.
Dies der Blick auf das Friesenvolk im Allgemeinen. Betrachten wir nun noch besonders das Land, dessen Hauptstadt uns der Stahlstich verbildlicht.
Ostfriesland, des deutschen Landes Nordwestecke, ein Niederland, das sich nur wenig über den Spiegel des Meeres erhebt, ist ein den Fluthen der See und den Gewässern der Moore abgerungenes Erbe seiner Bewohner. Geest und Haide, Moore und Meer umlagern den goldenen Saum des Landes, das Marschland, dessen reichster Theil wiederum die Polder sind, d. h. das vom Meere angesetzte und künstlich eingedeichte Marschland. Die Deiche nennt der Friese seinen „güldenen Ring“ um das Land. Mit Dämmen und Kanälen zahlt er seinen Tribut an das Meer, das gewaltsam nimmt, wenn ihm dieser versagt wird. So ward der Dollart, einst ein herrliches Land mit fünfzig blühenden Ortschaften, „wegen Saumsal in der Verwahrung der Deiche“ von 1277 bis 1287 von den Fluthen zurück erobert und in einen Meerbusen verwandelt. Die Kanäle sind die Straßen des Landes, sie verbinden fast jedes Dorf mit Emden; gleich zahlreich sind sie in den Aemtern Aurich und Pensum. Die Ems und Leda sind des Landes Hauptflüsse, beide schiffbar. „Auf diesem „„merkwürdigen Niederland““, so schreibt ein kundiger Beobachter, „am Nordsaum des deutschen Landes, auf meeresgleichen Wiesen, hat, wie im Süden in den Felsenthälern der Alpen, altgermanische Freiheit eine letzte Freistätte gefunden und in zahllosen Kämpfen zu behaupten gewußt, und wenn auch des Landes politische Selbstständigkeit unterging, so ward doch aus ihren Trümmern vollkommene Freiheit der Person und vollberechtigtes Eigenthum der Bauern gerettet. Diese hergebrachte Freiheit, Selbstständigkeit, Unabhängigkeit des Gemeindelebens, und Wohlstand, der Widerschein früherer ruhmvoller Tage, geben noch immer den Marschbauern einen stolzen, unabhängigen Sinn. Die Phantasie hat ihre Gaben nicht reich ausgestreut aus diesen künstlichen,
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1847, Seite 161. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_12._Band_1847.djvu/169&oldid=- (Version vom 7.4.2025)