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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band | |
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Die Republik war unsere Jugend; Kaiser und Reich füllten unsere reiferen Jahre aus; altersschwach geworden, schlug uns die Dynastenherrschaft in ihre Bande und durch die Republik werden wir uns zum neuen Leben verjüngen. Die Unfähigkeit der alten Monarchie, sich neu zu gestalten im Geiste der Zeit und die Bedürfnisse und Forderungen eines freien Volke zu befriedigen, liegt am Tage. Die Ueberzeugung von dieser Unfähigkeit durchdringt alle Klassen, ihre Hinfälligkeit ist notorisch, und selbst bei ihren treuesten Anhängern ist der Glaube an ihre Lebensdauer tief erschüttert. Die Monarchie in Deutschland gleicht einer Sterbenden. Krampfhaft hält sie sich am gesunden Volksleib festgeklammert, und in ihrer Todesangst schreit sie jeden Arzt und jeden Quacksalber, der vorüber geht, um Rettung an. Nicht gedenkend ihrer Vergangenheit und jeglicher Selbstachtung sich entäußernd, sucht sie demüthig nun sogar bei Denen Hülfe, welche sie in den glänzenden Tagen ihrer Macht mit bitterer Feindschaft verfolgt hat. Volksmänner, welche sie vordem in den Kerker warf und an Ketten legte, citirt sie an ihr Sterbebett, und aus Hochverräthern und Majestätsverbrechern, Verbannten und Flüchtlingen macht sie Vertrauensräthe und Minister. Warum folgen aber diese Männer solchem Rufe? Sind die edeln, starken Stämme des Volkshains dazu da, daß man sie fälle einen nach dem andern, um die zusammenbrechenden Gebäude der Fürstenherrschaft zu stützen? Sind sie nichts Besseres werth? Sind sich jene Männer nicht eines höhern Berufs bewußt, als des zur letzten Priesterschaft eines Götzen? Nicht an der alten, verrosteten Kette der Alleinherrschaft mitzuschleppen, sondern schöpferisch neue, bessere Zustände für des Vaterlandes Zukunft zu gründen, ist ein Geschäft, würdig, daß die bessern und reichbegabten Geister all ihr Können und Vermögen daran setzen. Die Zeit ist rührig; sie hat Meilenstiefeln an; die Monarchie ist aber das Prinzip der Trägheit und darum hat sie die Zeit verworfen. Wandelbarkeit ist die Bedingung alles Lebens, und Fortschritt und Vervollkommnung sind seine Aufgaben. Wir sollen im Schlamm der Alleinherrschaft nicht stecken bleiben wegen einzelner Goldkörner, die sich darin verbergen; wir sollen nicht die berghohe Masse des Mißbrauchs schonen, weil manches Gute unter ihm versteckt liegt. Aufgeräumt und weggefegt muß werden von Grund aus und ohne Zögern. – Wir sollen aber auch nicht die Fabel vom Schlaraffenlande glauben, in welches die Republik nach einem weit verbreiteten Wahne Deutschland verwandeln wird. Ein solches Eden mag am Ende der
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1847, Seite 167. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_12._Band_1847.djvu/175&oldid=- (Version vom 19.4.2025)