Seite:Meyers Universum 12. Band 1847.djvu/194

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Stifter, daß von dem Klostereinkommen jährlich ein bestimmter Theil zur Verschönerung und Erweiterung der Gebäude verwendet werden müsse. Dieß und die Schenkungen, welche dieser großen Mastanstalt der Faulheit fortwährend zu Theil wurden, boten hinreichende Mittel, um die Karthause zu einem Sammelplatz der Kunsttalente zu machen, die mit Begeisterung an der Ausschmückung des Wunderbaus arbeiteten. Luino, Giacomo della Porta, Procaccino, Sacchi, Guercino und andere Meister waren vier Jahrhunderte hindurch, vom fünfzehnten bis zum achtzehnten, zu diesem Zwecke in Thätigkeit, und doch glauben wir beim Beschauen aller dieser Werke kaum, daß es in diesem Zeitraum möglich war, so Vieles zu vollenden. Die ganze Karthause ist ein Kunstmuseum und der Werth desselben wahrhaft unschätzbar. Skulpturen, Schnitzereien, Bildwerke, Arbeiten in Gold, Erz, Elfenbein, Ebenholz und in kostbaren Steinen, Mosaiken, Oel- und Freskogemälde, welche alle Räume füllen und den Kapellen und Chören, Sakristeien und Altären, Monumenten und Mausoleen die höchste Pracht geben, sind nicht zu zählen. Kein Reich hätte jetzt die Mittel, eine solche Sammlung zu erwerben. Sogar die Räume für niedrige Zwecke sind mit Basreliefs, Malereien und Statuen von den größten Meistern ausgeschmückt. Den höchsten Glanz entfaltet jedoch, inmitten dieser stummen und überwältigenden Herrlichkeit, des Stifters Grabmal. Die Mönche begannen den Bau desselben hundert Jahre nach Johanns Tod und zugleich nicht ohne die Absicht, den Sforza’s, den Nachfolgern des verherrlichten Johann Galeazzo, damit einen Wink zu geben, daß sie in dessen Fußtapfen treten möchten. Das Prachtwerk, von Pellegrini begonnen, ward von Giacomo della Porta im Jahre 1562 vollendet. Die Arabesken und kostbaren Ornamente sind von Christofero Romano. Das Ganze besteht aus dem schönsten parischen Marmor.

Das Kloster wimmelte von Insassen, als Kaiser Joseph II. den Thron bestieg. Mit so vielen andern üppigen Schlemm- und Betpalästen traf auch die Karthause das Schicksal, ihrer bisherigen Bestimmung entzogen zu werden. Der große Kaiser trieb die Mönche hinaus und in die Thätigkeit des Lebens zurück und stellte vier Priester zur Besorgung des Gottesdienstes an Sonn- und Festtagen, so wie einen Sakristan zur Beaufsichtigung und Erhaltung der Gebäude und Kunstschätze des Klosters an. Einige der Gemälde wanderten aus den überfüllten Räumen später nach Wien und Paris; alle andern sind da geblieben, und noch heute bewahren die Gebäude die Kunst, die Pracht und den Reichthum vergangener Tage.