Seite:Meyers Universum 12. Band 1847.djvu/211
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band | |
|
|
und dem Andern: du sollst frei werden, wenn du reif bist zur Freiheit, und dann bestellen sie den Einen zum Hüter des Andern, und das gegenseitige Mißtrauen macht Beide zu ihren Gefangenen. – So ist es. – Die Heuchelei, nicht die offene Gewalt ist’s, womit die Dämonen der Erde den Fortschritt bekämpfen und darum muß sich gegen die Heuchelei vorzugsweise unser Geschoß richten. Sie ist zu solcher Meisterschaft herangebildet worden durch die lange Uebung, daß selbst verständige Leute durch sie getäuscht werden und nicht glauben können, daß man sie äffe. Keiner, der auf unserer Seite steht, soll daher müde werden, ihr in’s Angesicht zu leuchten und sie zu entlarven. Ob uns die Gegner dafür Störenfriede heißen; ob sie sagen, wir reizten die Gemüther und kürzten den Menschen den Schlaf; ob sie uns Wühler nennen und Freunde des Umsturzes; ob sie alle Schimpf- und Scheltworte über uns ergehen lassen: es kümmert uns nicht! Wir sagen gelassen: besser ist’s zeitig geleuchtet mit der warnenden Fackel der Wahrheit, als abzuwarten, bis Andere die Nacht mit der Mord- und Brandfackel erhellen! Wir sagen: besser ist’s, die Wahrheit entwaffne und die Ironie beschäme die Gegner, als daß die schleichende Erbitterung unbemerkt das volle Maß erreiche und, überströmend, sich in Blut verwandle. Redlicher Wille bleibe die Quelle unsers Muths und das Wort der ehrlichen Ueberzeugung unser Schwert. Und das Schwert, recht geführt von rechten Männern, gab schon öfters die Macht, Völkern die Fesseln zu lösen. Die Gegenwart hat’s bewiesen; die Zukunft wird es noch besser beweisen.
Was unser Stahlstich uns zeigt, sind die großartigen Reste der alten Apollinopolis magna, der Hauptstadt des apollonopolitischen Nomos in Thebais, die unter dem Zepter der Ptolemäer jene Prachtbauten erstehen sah, deren Trümmer sich jetzt noch stolz im Nile spiegeln. Nur Theben kann sich mit seinen Resten neben diese der Apollonia stellen. Das Loos beider ist gleich. Schmutz und Wetter arbeiten mit den Hämmern und Meiseln der Archäologen und Kunstkrämer gemeinschaftlich an deren Zerstörung. Apollonia erlag ihr später, denn es war noch lange Zeit unter den römischen Kaisern ein angesehener Bischofssitz; eine römische Legion hatte hier ihren Standort. Gegenwärtig finden wir auf dem flachen Dache des großen Tempels das Dörflein Edfou, das zur oberägyptischen Provinz Said gehört und gegen 1000 arabische Einwohner beherbergt, die sich in der Verfertigung schöner rother Thongefäße auszeichnen und dieselben auf dem Nil verfahren. Das Hauptgebäude des Tempels ist in seiner Länge von 424 Fuß und seiner Breite von 212 Fuß mit seinen zahlreichen Skulpturen noch deutlich zu erkennen; dagegen haben die Zwischenwände der Säulen des Portikus und die oberen Einfassungen der herrlichen, 110 Fuß hohen Pylonen sehr gelitten. Die Hauptursache der Zerstörung
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1847, Seite 203. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_12._Band_1847.djvu/211&oldid=- (Version vom 13.4.2025)