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DLVIII. Der Dom zu Magdeburg.




Wer in den schönen Herbsttagen dieses Jahres von einem unserer Berge hinabblickte in die Thäler und Ebenen, wo allenthalben Fleiß und Lust sich um den reichen Erntesegen tummelten und eine neue Erntehoffnung ihre grüne frische Pracht auf hundert Aeckern entfaltete, der wird sich wehmüthiger Gedanken nicht haben erwehren können, wenn über dieser friedlichen Herrlichkeit der Natur der Kampf unserer wildbewegten Zeit ihm vor das Auge trat. Die ewige Ordnung der Welt, der stete Gang der Naturgesetze, ihre Unwandelbarkeit, die feste Bestimmung, die jedem Geschaffenen wird, vom Planeten des Himmels bis zum kleinsten Wurm der Erde, und daneben – der Mensch! – der Mensch, der allein seine Bestimmung so schwer erkennt, daß seine Verirrungen immer den breitesten Raum einnehmen im Buch der Weltgeschichte.

Wo ist die schwärzeste Quelle des menschlichen Elends? – Im Menschen selbst: eine uralte Wahrheit, von tausend Glücklichen anerkannt, von tausend Unglücklichen geleugnet und verworfen. Gott hat in des Menschen eigner Brust Himmel und Hölle neben einander gefügt und ihm die Schlüssel zu beiden gegeben: Vernunft und Willen. Zu beiden Thurm führt der Weg am warnenden Gewissen vorüber. Gott hat das Seine gethan. Dein ist die Schuld, hast du die falsche Thür erwählt, oder gar den Schlüssel zu deinem Himmel verloren. –

Doch nicht allein im einzelnen Individuum, auch in den Ideen, die eine ganze Zeit beherrschen, kann die Quelle großen Jammers lebendig seyn. Zu allen Zeiten war der Kampf um Glauben und Ueberzeugung der heißeste und in seinen Ausartungen der furchtbarste, weil er von Blinden geführt wird: denn die Leidenschaft beginnt und schürt ihn, und die Leidenschaft macht blind allemal. Nicht der bloße Streit um das Mein und Dein, um Recht und Unrecht hat jene haarsträubenden Martern erfunden, mit denen der fromme Glaube sich bewaffnete, um sich den Sieg zu erhalten; Scheiterhaufen und Guillotinen wurden aufgerichtet von Fanatikern für das Heiligste auf Erden, für Religion, Recht und Freiheit! – Und ist erst der Fanatismus in die Massen geworfen, dann werden Selbstsucht, Herrschsucht und Bosheit ihre feilen Führer besudeln und die Völker mit Blut und Schande.

Keine Verwirrung der Geister ist aber gefährlicher für das Wohl Aller, und keine drückt die Menschenwürde tiefer herab, als wenn die Glieder eines Volkes im Meinungskampfe sich zerfleischen: da wanken