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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band | |
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und stürzen die mächtigsten Staaten, Sitte und Glück sinken von den Altären des Hauses und der Gemeinde in den Staub, Wohlstand und Bildung fliehen, die Humanität verhüllt ihr Antlitz, und mit Trauer und Abscheu wendet sich der Blick der kommenden Geschlechter ab von den grausenhaften Bildern solcher Zustände der allgemeinen Verwilderung. Und leider! sind sie nicht selten. Der Nationen sind wenige, deren Geschichte frei ist von des Brudermords besudelten Blättern, fast jedes Volk wanderte einmal durch das rothe Meer solcher Blutschuld. Auch das deutsche Volk schleppt an ihr eine furchtbare Last. Sie füllt eine ganze Periode seiner Geschichte aus: seinen dreißigjährigen Krieg. Sie hat – ich schreibe während deutsche Geschütze das deutsche Wien zerschmettern – eine neue Periode begonnen, deren Dauer Keiner ermißt. – Zu einem Nachtbild aus jener ältern Schreckenszeit führt uns der herrliche Bau, den uns der Stahlstich vergegenwärtigt.
Ja, herrlich bist du, Magdeburger Gotteshaus! und Der dich zusammengefügt und aufgerichtet hat, der gab Zeugniß von seiner Meisterschaft für kommende Jahrtausende. Wer dich aber anschaut mit dem rechten Geist und dem rechten Herzen, dem bist du, so lange deine Mauern stehen, doch nur ein Blatt mit schwarzem Rand, mit den Trauerzeichen über den Wahn, der zu allen Zeiten Millionen beherrscht, ihre Seelen vergiftet und zu Thaten getrieben und gehetzt hat, die jeden göttlichen Schimmer an der Menschengestalt vernichten.
Wie das jüngste Blatt der deutschen Geschichte mit schwarzem Rande die Ausschrift führt: „Windisch-Grätz und Wien“; so jenes ältere die von „Tilly und Magdeburg.“ Betrachte den Dom, von welcher Seite du ihm zuerst nahst, dieses Blatt und diese Inschrift stellen sich zwischen dich und die künstlerische Trefflichkeit. Das Unmenschliche jenes blutigen Mai’s verdeckt, was du Menschlich-Schönes suchen wolltest, und selbst im Innern des Heiligthums dringt zitternd und klagend jenes Tedeum in dein Ohr, welches über Leichenhaufen und dem Gestöhne Gemordeter und Sterbender dem Munde der rasenden Schlächter entquoll, jenes Tedeum, das den von Magdeburgs Flammen bemalten Himmel, zu dem es emporstieg, errüthen machte vor Scham und vor Zorn.
Aber weniger die Erinnerung an das unmenschliche Morden und Verwüsten ist’s, was den Schreiber dieses Aufsatzes die Brust mit Grimm und Entrüstung erfüllt: – Leichenhaufen und Brandstätten hinterläßt jeder Krieg, das ist des Krieges Art; der Friede baut und pflanzt und pflegt wieder, das ist seine Art. Anders jedoch bei der Magdeburger Hochzeit. Hier liegt das Abscheuliche gerade darin, daß diese Gräuelthat noch nach Jahrhunderten Katholiken wie Protestanten dazu dienen mußte, den Glaubenshaß fortzuschüren. Das ist der schwarze Rand am Trauerblatt, daß Kindern eines Vaterlandes, einer Zunge, eines Glaubens dieses eine Ereigniß dort als fluchwürdiges Verbrechen, hier als glorreiche That hingestellt wird und daß man dadurch Millionen Kindern bald gegen die Katholiken, bald gegen die „Ketzer“ einen Haß in die Seelen streute, den sie durch ihr ganzes Leben tragen. Und von wem geschieht es? von den Menschen, die da vorgeben, sie seyen die Träger
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1847, Seite 216. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_12._Band_1847.djvu/224&oldid=- (Version vom 13.4.2025)