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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band | |
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nicht, denn er fürchtete, bei der großen Minderzahl seines Heers, und gegenüberstehend dem größten Feldherrn seiner Feinde, die große Sache, die er verfocht, in offener Feldschlacht zu gefährden. Magdeburg – ein Kleinod in der Krone des Protestantismus – gab Gustav Adolf Preis mit blutendem Herzen.
Und so geschah denn das Unvermeidliche. Tilly, der die Stadt als wahrscheinliche künftige Residenz des Kaisersohns Leopold Wilhelm zu schonen wünschte, schien, nach vielen vergeblichen Aufforderungen zur Ergebung, endlich am 19. Mai sein Ziel erreicht zu haben. Der Magistrat war auf Tilly’s Kapitulationsbedingungen eingegangen; nur Falkenberg suchte den Abschluß noch zu verzögern. Inzwischen erfolgte er dennoch. – Während nun der Schreiber auf dem Rathhause mit dem Kopiren der Kapitulationsurkunde beschäftigt war, gab Tilly, zornig über die Zögerung, Befehl, zu stürmen. Und damit war das Loos des Verderbens über Stadt und Bevölkerung geworfen.
Es war am 19. Mai Nachmittag. Der Kampf rasete auf den Wällen und in den Gräben. Die Verzweiflung gab den Vertheidigern zehnfache Kraft. Während die Belagerer die Wälle erkletterten, spieen 200 Feuerschlünde Tod und Verwüstung gegen Mauern und Stadt aus. Plötzlich ließ das Feuer der Belagerer nach. Eine Batterie nach der andern verstummte. Die stürmenden Kolonnen wichen zurück. Die Belagerten erstaunten. Auf einmal hörten sie Stimmen aus den feindlichen Reihen: Die Schweden kommen! und jauchzend hallte es tausendstimmig wider in der Stadt: Der Retter naht! Wir sind gerettet! Die Freude bestrickte die im langen Kampfe ermatteten Sinne. Gegen den Morgen des 20. Mai waren die meisten zum Tode müden Vertheidiger auf den Wällen und daheim in tiefen Schlaf versunken, um – zum Tode zu erwachen.
Denn mit Tagesanbruch ließ Tilly seine ganze Macht in Sturmkolonnen mit Leitern und Hacken gegen die Mauern rücken, um die Frucht seiner Kriegslist zu pflücken. Der allgemeine Sturm begann um sieben Uhr. Täuschung und Schrecken brachen die Kraft der Bürger. Noch vor Mittag waren alle Festungswerke in der Gewalt der Kaiserlichen. Und nun erfolgte das Schlachten und Morden der Wehrlosen, das Plündern und Brennen. Wie die Horden des Attila wütheten die vom Fanatismus ergrimmten Schaaren. Es waren nicht Krieger mehr, es waren Hyänen. In weniger als zwölf Stunden hatten die von vier Seiten zugleich eindringenden wilden Haufen Pappenheims mit Feuer und Schwert eine der schönsten und reichsten Städte des Vaterlandes in eine Wüste verwandelt, wo rauchende Trümmer und Schutt und Asche und Blut und Leichen durch einander stürzten. Für drei lange Tage hatte Tilly den Seinen das Werk der Vernichtung zugesagt, und drei Tage lang feierte das wüthende Heer mit Brennen, Plündern, Morden und Schänden diese Magdeburger Hochzeit. Noch nach zwei Jahrhunderten sträubt sich das Haar vor den kannibalischen Szenen jener Tage. – Ehe Tilly am 12. Mai über die dampfenden Schutthaufen seinen Einzug in die noch vom Gewimmer der Sterbenden
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1847, Seite 218. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_12._Band_1847.djvu/226&oldid=- (Version vom 13.4.2025)