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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band | |
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und der verwaist umherirrenden Kinder erfüllten Ruinen halten konnte, mußten 6900 Leichen in die Elbe geworfen werden; die Zahl aller Hingemordeten – Tausende hauchten unter den gräßlichsten Verstümmelungen, Qualen und Martern ihr Leben aus – war 30,000! Von der ganzen Bevölkerung der Stadt, in welche sich viele Bewohner des umliegenden flachen und schutzlosen Landes geflüchtet, waren kaum 5000 übrig geblieben, darunter über 4000, die sich in den Dom eingeschlossen und drei Tage ausgeharrt hatten, umgeben von allen Schrecken der Vernichtung und überschüttet mit dem Fürchterlichsten, was die Natur den Menschen zu leiden geben kann. Als Tilly an den Dom kam, öffnete sich das Thor und der ehrwürdige und glaubensmuthige Prediger Bake sank dem finstern Sieger zu Füßen mit den Worten: „Gekommen ist Magdeburgs letzter Tag und sein unausweichbares Schicksal! Wir waren Magdeburger! Dahin ist Magdeburg und all seine Herrlichkeit!“ – Tilly – (der Teufel selbst muß ja endlich ermüden in seinem Werke) – schenkte den Aermsten das Leben. Und als sie heraustraten aus dem Gotteshause, diese abgemarterten Gestalten, zählte das Auge der Suchenden von der großen Stadt noch hundert kleine Häuser armer Leute, zu denen die Flamme nicht hatte hinuntergreifen und in denen die Raubsucht nicht hatte plündern mögen.
Tilly und sein Vorgänger Alba gehen über die Bühne der Geschichte wie Pest und schwarzer Tod. Wenn wir auch der Zeit billige Rechnung tragen, in welcher die Magdeburger Schauertragödie spielt; wenn wir auch erwägen, wie die Menschen in dem dreizehnjährigen Kriegszustand verwildern mußten; ferner: mit welchem Volk von Tilly der Krieg geführt wurde und wie dazu trat die Kunst der Pfaffen, um die rohen Kriegerbanden zum äußersten Fanatismus zu verhetzen, der im Ketzermord ein Gott gefälliges Werk sah: – so bleibt doch von alle Dem die Thatsache unangefochten, daß Tilly es war, der das dreitägige Schlachten und Brennen und Plündern seinem Heere versprochen und ohne diesen Freibrief zu aller Unthat bei der sonst so strengen Disziplin des kaiserlichen Feldherrn Magdeburgs entsetzlicher Untergang gar nicht möglich gewesen wäre. In dieser Thatsache ist Tilly’s Schuld unaustilgbar begründet und alle Versuche, ihn rein zu waschen, müssen erfolglos seyn. Wie einst Alba, so hat auch Tilly eifrige und gewandte Vertheidiger gefunden in Menge. Es sind dies Pfaffen und Fürsten, die nimmer müde werden, an der blutigen Hand ihres Werkzeugs zu wischen, welche darum doch ewig roth bleibt. Hat ja sogar noch in unsern Tagen ein König, – der für den großen Luther in seiner Ehrenhalle keine Stätte fand, – sich nicht entblödet, dem Tilly eine erzene Bildsäule des Ruhms aufzustellen! Er bedachte nicht, daß, hätte er auch an jeder Straßenecke seiner Hauptstadt ein solches Standbild aufgerichtet, das Wörtchen „Magdeburg“, an ihre Fußgestelle mit der Bleifeder geschrieben, sie alle in Schandsäulen verwandelt haben würde. –
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1847, Seite 219. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_12._Band_1847.djvu/227&oldid=- (Version vom 13.4.2025)