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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band | |
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Wort? Du schämst dich und wirst roth und schlägst die Augen nieder und bleibst die Antwort schuldig. Armer Michel! das fremde Wort war mächtig genug, auch dir das Thor der Freiheit zu öffnen: aber Pah! da stehst du, das rechte deutsche Wort fehlt dir, und der Sturmwind der Reaktion wirft dir die Flügel vor der Nase wieder zu.
Ist denn die deutsche Sprache so arm und das deutsche Dichtergefühl so kalt und so zahm, daß beide das rechte Wort nicht finden können! Einen nur weiß ich, der’s wohl fände:
Singe Du, Freiligrath, Dichter „der Todten“ die Hymne der Freiheit,
Welche dein träumendes Volk weck’ zur begeisternden That.
Thaten bedarf es; – denn des Unthiers so innig verschlungene Häupter
Trennt die streichelnde Hand nimmer vom scheußlichen Rumpf.
Hätte das bittende Wort die Hyder von Lerna bezwungen?
Hätt’s den nemeischen Leu? oder den kretischen Stier?
Hätt’ er zum Schweigen gebracht der Unterweit bellenden Hüter?
Hätten den Augiasstall tausend Adressen gefegt? –
Herkules selbst, er fand durch den Kampf nur den Weg zu den Göttern,
Und noch nie hat ein Volk kampflos die Freiheit erlangt.
Die Stadt Marseille blüht seit drittehalb Jahrtausenden. Ihr, unverwüstliche Lebenskraft hat die Stürme und Umwälzungen, welchen Reiche und Völker erlagen, überdauert. Nach jeder Verheerung, nach den furchtbarsten Schlägen erhob sie sich immer wieder und gelangte in vergleichsweise kurzer Zeit zu Glanz und Reichthum. Dies dankt sie zumeist ihrer Lage und ihrem herrlichen Hafen, welche beide den Handel immer wieder zurückführten, wenn er auch zuweilen verscheucht wurde von den Würgengeln des Kriegs und der Revolutionen.
Als Gründer von Marseille treten die Phozäer auf, der griechische Heldenstamm, welcher die französische Küste um das Jahr 600 vor unserer Zeitrechnung zu kolonisiren begann, und der älteste Stadtname Massilia erhielt sich bis zum Verfall des Römerreichs. Die Niederlassung wuchs schnell an Kraft und Ansehen; sie erweckte frühe die Eifersucht Karthago’s. Die Versuche dieses Staats, sich an Galliens Südküste festzusetzen, scheiterten stets an der Wachsamkeit der Phozäer und übten deren kriegerischen Geist. Massilia brachte sich in Besitz einer Kriegsflotte, mit deren Hülfe sie sich der Karthager erwehrten und ihren Handel schützten. Als Rom den Vernichtungskampf gegen die afrikanische Nebenbuhlerin begonnen hatte, schloß es mit den Massiliern ein Bündniß, deren Flotte Rom auch auf dem Meere stark machte und den Transport der Heermassen nach Afrika ermöglichte. Damals war Marseille in höchstem Glanze.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1847, Seite 225. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_12._Band_1847.djvu/233&oldid=- (Version vom 13.4.2025)