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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band | |
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die stille Blüthe der Kunst, Gelehrsamkeit und Bildung; aber im vierten Jahrhundert welkte auch diese und das Christenthum fand Eingang. Anfangs der griechischen Kirche zugethan, schloß sich im folgenden Jahrhundert die Gemeinde dem römisch-katholischen Bekenntniß an. Es war im Jahr 420, unter Papst Bonifazius, als der Uebertritt erfolgte. Inzwischen waren die Gothen Herren Galliens geworden. Auch Massilia’s. Kriegsstürme und die Barbaren verheerten und schatzten. Die Lehrsäle der Wissenschaft verödeten gänzlich. Unter Theodorich war Marseille eine Munizipalstadt. Zur Zeit des Karl Martell suchte ein Statthalter mit Hülfe eingedrungener Sarazenen die unabhängige Herrschaft über die Stadt an sich zu reißen. Das Unternehmen mißlang, und in diesem Kampfe verlor Marseille durch Plünderung und Feuer den Rest seiner alten Blüthe. Erst unter Karl dem Großen kam in den Handel und die Gewerbthätigkeit der Stadt ein neues Leben. Karls Reich erschloß ihrem Unternehmungsgeiste frische Quellen des Reichthums. Es richtete sich ein unermeßlicher Verkehr mit Katalonien, Italien und der Levante ein. Aber Bestand war nicht in diesem schnellen Glück! Schon unter Ludwig dem Frommen, unter dessen Regierung grenzenlose Anarchie die Kräfte des Staats zersplitterte, setzten Schwärme von sarazenischen Piraten die Küsten der Provence in Furcht und Schrecken, nahmen die Schiffe weg, drangen in das Innere und sengten und mordeten, so weit ihr Arm reichen konnte. Der Handel Marseille’s schrumpfte wieder ein und viele der reichsten Kaufleute zogen weg nach Venedig und Genua, die sich jetzt erhoben. Die späteren Schicksale von Marseille knüpfen sich an die der Provence. Nachdem die Capetinger ganz Frankreich unter ihren Zepter vereinigt hatten, theilte es mit ihrem Reiche das Auf und Nieder im geschichtlichen Leben. Höchst großartig war der Handelsflor der Stadt im 16. u. 17. Jahrhundert. Der Verkehr mit dem Türkenreiche war damals ganz in ihren Händen; sie führte an Tuchen allein für 30 Millionen Livres dahin jährlich aus. Nach der Abschaffung des Königthums wechselte sie Wappen und Farben mit Frankreich bis diesen Tag, und während der ersten Revolution sandte sie die entschiedensten Männer in den Konvent, die kühnsten, wildesten Streiter in die Straßenkämpfe von Paris. Die Hymne der Revolution trägt ihren Namen durch alle Zeiten. –
Marseille ist die Perle der Provence und die Provence heißt die Perle Frankreichs. Prächtig nimmt es sich vom Meere her aus. Man erblickt die Stadt als Amphitheater und dahinter einen weiten Bogen von Höhen und Geländen mit etwa fünftausend kleinen funkelnden Landhäuschen und stolzen Villen besetzt, umgeben von Weingärten, Olivenhainen und Baumgruppen. Den Vorgrund bilden die Leuchtthürme auf ihren Felsen und der Mastenwald des Hafens; dann die unermeßlichen Lagerhäuser, die Docks, die Werfte; dahinter die Häusermassen, über welche die stattlichen Thürme und weit gespannten Dome sich erheben. Rechts und links in größerer Entfernung liegen Dörfer und Städte auf hohem Gestade und bei klarer Luft blinken ostwärts die schneeigen Häupter der Meeralpen – jene ewigen Vesten der Erde, die aus dieser Ferne wie leichte lichte Wölkchen erscheinen, mit denen der West spielen möchte.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1847, Seite 227. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_12._Band_1847.djvu/235&oldid=- (Version vom 13.4.2025)