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Die Kayen sind schön, ja prächtig, und das Gewimmel geschäftiger Menschen auf denselben von allen Tinten und Trachten sagt dir sogleich, daß du eine Welthandelsstadt von erstem Range vor dir hast. Die mächtigen Steinmassen der Häuser, das Solide, Derbe, Bürgerliche ihrer Bauart, die Bläue des provenzer Himmels, die Heiterkeit und Offenheit der Physiognomieen machen einen Eindruck, der wohlthut und befreundet. Diesem entspricht auch das Innere. Die größte Reinlichkeit in den Straßen und Häusern, die Fülle der Waaren in den unzähligen Läden und ihr heiterer Aufputz versöhnen mit dem Winkeligen und der Enge vieler Gassen, und die Bilder des Fleißes, der Rührigkeit, der Wohlhabenheit, die Einem auf jeden Schritt begegnen, befriedigen Auge und Herz zugleich.

Marseille ist gegenwärtig der erste Seehandelsplatz Frankreichs. Bordeaux, Havre, Rouen stehen ihm bei Weitem nach. Sein Handelsgebiet sind die Küsten des Mittelmeers und der mit diesem zusammenhängenden Gewässer. Am transatlantischen Handel hat es geringen Theil und nur wenige seiner Schiffe passiren die Meerenge von Gibraltar. Seine Rivalen: Triest, Genua, Livorno und Venedig, überragt es an Kapitalkraft alle. Marseille empfängt und versendet jährlich 18 bis 20,000 Schiffsladungen im Werth, von 300 bis 400 Millionen Franken; es zahlt auf seine Importen zur Zollkasse an 40 Millionen! Fast sein ganzes Handelskapital, das auf eine halbe Milliarde geschätzt wird, steckt im Waarenverkehr und in den sich daraus herleitenden Wechselgeschäften. Jene kreditverwüstenden Parasiten – das Spiel in Aktien und Fonds – haben hier noch nicht gewuchert.

Die Hauptbasis des Marseiller Handels ist die französische Manufaktur. Unermeßlich groß ist der Export französischer Tücher und Lyoner Seidenwaaren in die Levante: und die Dinge der Bequemlichkeit und des Luxus: Möbeln, Glaswaaren, Porzellain, Spiegel, Modewaaren, Parfümerien etc. beziehen Konstantinopel, Kairo, Smyrna etc. fast ausschließlich von Marseille. – Je mehr sich der Orient die europäische Sitte und die abendländischen Formen der Civilisation aneignet, je größer wird dieser Verkehr, dessen Werth mit den Produkten des Ostens: Baumwolle, Wolle, Getreide, Kamelgarn, Wachs, Gummi, Talg, Baumöl, Droguen etc. bezahlt wird. Seitdem Frankreich seine Herrschaft in Nordafrika begründete, ist auch Algerien eine Goldgrube für Marseille geworden, und sie wird ergiebiger in dem Maße, als die Kolonisation des eroberten Landes fortschreitet. Der Verkehr im Allgemeinen wird durch die Dampfbootlinien begünstigt, welche mit allen Hauptplätzen des mittelländischen Meers eine regelmäßige Verbindung erhalten. Eine Eisenbahn geht nur bis Avignon. Allein durch Fortsetzung derselben bis nach Lyon wird Marseille in das ganz Frankreich überspannende Bahnnetz eintreten und dadurch erhält es eine neue Bürgschaft für weitere Ausdehnung seines schon so ungeheuern Verkehrs. Unter so günstigen Verhältnissen mögen des Dichters Worte auf Marseille Anwendung finden:

Zeus hat auf dieses Geschlecht, des Herakles Wurzel entsprossen,
Gütig des Landes und Meers Reichthum für immer vererbt.