Seite:Meyers Universum 12. Band 1847.djvu/246

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Robert Blum – der Mann der Erfahrung, des Wortes und der That, der Märtyrer für das Volk – ist ein Mann aus dem Volke. Seine Wiege stand auf ungedieltem Boden. Die bitterste Armuth war seine beständige Begleiterin in der Jugend. Auch als Mann ist die Sorge um das äußere Daseyn nie von ihm gewichen. Blum ist von Geburt Rheinländer. In Mainz kam er als Lampenputzer an’s Theater. Das war freilich ein enges Pförtchen zum Tempel der Bildung, und doch hat er, der damals kaum lesen konnte, ihr Allerheiligstes erreicht. Des Abends schneuzte er die Lichter und der helle Morgen traf ihn noch über den Büchern. Sein Wissensdurst war unersättlich und keine Anstrengung war ihm zu groß, ihn zu befriedigen. Inzwischen avancirte er zum Billeteur, zum Rollenabschreiber, zum Souffleur, endlich zum Sekretär. Sein Genie erwarb ihm Bewunderer; sein Herz Freunde; sein Charakter Achtung bei Allen. Schon damals – die politische Nacht lag noch schwer auf Deutschland – kam sein für Freiheit und Recht erglühender Geist öfters in Konflikt mit der Philisterei und Gemeinheit, obschon es immer sein oberster Grundsatz war, daß es der Sache gelte, nicht den Menschen. Er verschonte Jeden; er wurde nie verschont; er verfolgte Keinen, ihn haben Viele verfolgt; Freiheit und Humanität waren ihm das Heiligste und in ihrem Liebesdienst opferte er Alles. Immer schlagfertig zu ihrer Vertheidigung, war er ein Löwe beim Angriff ihrer Feinde; aber sich selbst zu vertheidigen, dazu war seine Seele zu groß. Alle Blitze seiner Beredsamkeit gebrauchte er für Andere; für sich selbst war er gewöhnlich stumm. Hätte Blum seine Kraft so gebrauchen wollen gegen seine Feinde, wie er sie anwendete für die Sache, deren Streiter und Apostel er war: wahrlich, Keiner hätte ihn anzugreifen gewagt. Es ging ihm wie allen Oberpriestern im Tempel der Menschheit: – er diente den Göttern und vergaß sich selbst. Das ist sein schönstes Zeugniß und das L. S. seines Seelenwerths. Was Blum später in Leipzig als Literat, Buchhändler, Gemeindevorstand, als Repräsentant des Deutsch-Katholizismus, dessen Idee ihn begeisterte und für den er den harten Kampf mit der Intoleranz und dem Jesuitismus siegreich durchfocht, gewirkt hat, brach ihm den Weg in des Volkes Herzen, und sein Ruhm war schon längst über Sachsens und Deutschlands Grenzen gedrungen, als ihm Leipzig den Ehrensitz in der Paulskirche votirte. Was er dort gethan – im Vorparlamente, im Fünfziger-Ausschuß, in der Nationalversammlung, – das steht geschrieben mit Flammenzügen in jeder von Freiheitsgefühlen schwellenden deutschen Brust, es ist eingegraben auf die besten Tafeln der deutschen Geschichte. Wenn man einst fragen wird: wer war unter Allen, die in Frankfurt tagten und kämpften, der Edelste, der Tapferste, der Geistreichste, der Muthigste: – so wird sein Name genannt werden vor allen Andern. Das erste deutsche Parlament war das Fußgestell seines Ruhms, und im Vertrauen, der Hochachtung und der Verehrung des Volks fand er seinen Lohn.

Blum’s stärkste Waffe war das Wort, dessen Kraft in der höchsten Begeisterung für die Freiheit wurzelte. Seine Rede war ein Schwert, das in’s Herz drang, wenn er vernichten, ein Feuerbrand, wenn er erwärmen, ein Blitz, wenn er zerschmettern, ein Sturm, wenn er fortreißen wollte. Er war ein geborner Redner, wie Demosthenes