Seite:Meyers Universum 12. Band 1847.djvu/251

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Sie wollten’s aber nicht anders, und aus der Thränen- und Blutsaat geht ihr Verderben auf. Nichts Besseres können sie ärnten; sonst wäre ja das Sittengesetz auf Erden eine Fabel und der Glaubt an Gottes Gerechtigkeit ein Aberglaube. Die das Volk gequält haben, sie werden fallen durch ihre eigene Schuld, sie werden sterben an ihrem eigenen Gifte. Und alle Andern, die ihnen beigestanden und die mit verschuldet haben die Zerrüttung und das Unglück eines halben Welttheils, sie werden auch mit ihnen büßen. Vergebens schütteln sie jetzt, verzweifelten Spielern gleich, die Loose zu neuem ungeheuern Verrath; vergebens haben sie die Heere mit kaltem Blute zum Kriege gegen die Bürger abgerichtet; vergebens ist ihr Bund mit dem Despoten, der jedes Werk zur Unterdrückung und Gewaltherrschaft fördert; vergeblich sind sie zusammengetreten gegen die Rechte der Nationen und zum Mord ihrer Freiheit; ich sage euch: – durch dieselben Mittel, durch welche die Verbundenen die Völker in das eiserne Joch spannen wollen, werden sie gestürzt werden. – Die Sonne sinkt, die ihnen so lange warm geschienen hat, es bricht herein ihre kalte sternlose Nacht, und die hehren Worte der Bibel: „Könige haben geherrscht und das Volk war ihre Magd; nun aber wird Gott regieren durch die Völker, und die Könige sind dahin!“ – Diese Worte werden That werden und ein Echo finden vom Tajo bis zum Niemen. Augenblickliche Siege der volksfeindlichen Gewalten dürfen unsern Glauben an den Ausgang des Streits nicht erschüttern. Wie im Meere Fluth und Ebbe wechseln, so wechselt der Sieg im Kampf der Tyrannei mit der Freiheit; aber aus jeder Niederlage wie aus jedem Siege schöpfen die Völker neue Kräfte, während die der Gegner mit jedem Tage sich vermindern. Von Napoleons Weissagung wird sich die bessere Hälfte: „in 50 Jahren ist Europa eine Republik“ erfüllen noch vor dem Termine.

Damit aber der Sieg beständiger, als bisher, an die Fahne der Freiheit sich kette, sind gegen die Unterdrücker dieselben Waffen zu gebrauchen, welche diese führen. Solches haben die Völker bisher verschmäht. Es widerstrebte ihrer Natur; denn die ist hochherzig, und jene Waffen sind nicht immer edle. Jetzt zwingt sie aber die Nothwendigkeit dazu, daß sie ihren Widerwillen bekämpfen und das thun, was die Klugheit schon längst geboten! Wie vielmal in diesem halben Jahrhundert haben die Völker sich zur Befreiung erhoben und wie vielmal haben sie mit ihrem Blute die Freiheit auch erobert; aber immer wieder verloren sie sie nach kurzem Besitze, weil sie die Mittel scheuten, sie zu befestigen, weil sie Großmuth statt Recht walten ließen, weil sie zu mäßig waren und zu schüchtern in ihren Ansprüchen und Begehren, und arglos den Versprechungen Derer vertrauten, die keine Treue kennen. Jetzt weiß das bedrängte Volk, wie es daran ist mit seinen Drängern; und wenn irgend noch ein Zweifel wäre, die Namen Warschau, Wien, Neapel und Mailand werden sie entfernen. Die Nationen wissen jetzt zuverlässig, daß sie kein Heil mehr auf Erden zu hoffen haben, als von sich selber; sie wissen aber auch, daß sie von Dem, was sie thun müssen zu ihrem Heile, Niemandem Rechenschaft schuldig sind, außer Gott allein. Es liegt zwar in ihrer