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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band | |
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Das Universum ist mehr, als ein Bilderbuch. Sein Hauptzweck ist nicht, das kunstliebende Auge zu befriedigen, die Müßigen zu unterhalten, oder den Wißbegierigen mit geographischen, ethnographischen, statistischen und historischen Notizen zu sättigen. Für solche Zwecke sind Hunderte von Federn, Stiften und Pressen thätig, und wir freuen uns ihres Wirkens, denn „Wissen ist Macht.“
Unsere Blätter gehören einem anderen Baume an: dem Baume der Erkenntniß. – Erkenntniß! Liege sie in des Meeres Abgrund, wir holen sie herauf; verberge sie sich in des Weltraums Unendlichkeit: wir finden sie! – Die Werke des Herrn sind vor uns aufgeschlagen und wir stehen vor ihnen mit einem Herzen, das offen ist für jede Regung, die der Anblick derselben hervorruft. Wir spielen mit dem Wiesengrün, tändeln mit den Blumenauen einer harmlosen Landschaft, erheben uns mit den Alpen zu den Wolken, sehnen uns mit den ewigen Strömen nach dem ewigen Meer und beben in Ehrfurcht vor der Allmacht des Schöpfers, die aus den Feuerschlünden der Erde und dem Fluthendonner der Katarakte spricht. Die Natur ist für uns nirgends todt. Aber eben weil wir das Leben überall suchen, so halten wir vor Allem am Lebendigen fest, dessen Höchstes der Mensch ist.
Des Menschen große Werke sind uns daher die liebsten Bilder. Steht der Mensch vor den niederdrückenden Riesenmassen der Schöpfung und den unermeßlichen Kräften der Natur zagend still, schwindelt ihm beim Anblick der Leiter, die ihn unmittelbar zur Erkenntniß des Meisters und seines Bauplans hinan führen soll, so sieht er in den großen Werken großer Menschen eine bequeme und sichere Brücke zur Erkenntniß Gottes, und er vertraut sich ihr an mit ruhigem Muthe. Zu solchen Werken gehören ebenso des Dichters und des Denkers Worte, des Forschers Schriftzüge, des Musikers Töne, als die Werke der bildenden und bauenden Künste. An einem großen Bau sehen wir Tausende von Menschenkräften thätig, um das in einem Geiste erstandene Bild gleichsam mit Erz und Stein für die Generationen von Jahrhunderten zu kopiren. Das Durch- und Nebeneinander von Kräften, welches in der Natur nach ewigen Gesehen bindet und trennt, schafft und zerstört, spiegelt sich hier im Kleinen ab. Dort gibt der Gedanke Gottes, hier gibt der Menschengedanke die Gesetze; und vergeht auch die Kopie in Erz und Stein im Sturm der Zeit: was sie gewirkt hat im Geist und Gemüth der Menschen, das bleibt ewig.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1847, Seite 246. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_12._Band_1847.djvu/254&oldid=- (Version vom 15.4.2025)