Seite:Meyers Universum 12. Band 1847.djvu/266

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

hat sie geebnet; der Stachel der Beleidigung und der Schmach: – er sitzt in allen Herzen. Was lange unverständlich nach Verständigung gerungen hat, das hat jetzt das „rechte Wort“ gefunden; der blutige Fleck im Wiener Augarten ist der Punkt geworden, in dem Deutschlands Gedanken sich versammeln, und alle Parteien haben über das Ereigniß nur eine Meinung und ein Gefühl: das Gefühl des schneidendsten Hohns,den Jeder erlitten, aber auch das Gefühl der Nähe der ewigen Gerechtigkeit und Vergeltung! Blums Ermordung hat, Jedem sichtbar, ein helles grelles Schlaglicht über den Zustand des Vaterlandes geworfen und in Millionen und aber Millionen Herzen eine erneuerte, lebendige Theilnahme an den Ereignissen geweckt, die im Strome der allgemeinen Bewegung die Wogen höher und höher schwellen mit jeder Stunde. Mit dem Mord, den Windisch-Grätz begangen, hat die deutsche Revolution ein neues Stufenjahr angefangen. Ueber Alle, selbst über die ist der Ernst der Zeit gekommen, welche seither die Dinge ruhig oder sorglos betrachteten. Das Volk ist in allen Tiefen aufgeregt; die Folgen werden furchtbar seyn; sie werden die soziale Welt erschüttern.

Jetzt ist das Schicksal, das der Gewalthaber gallenbitterer Uebermuth auf’s Neue herausgefordert hat, in entsetzlicher Gestalt mitten unter sie getreten. Grauen packt sie vor seiner Macht. Die Morgenstunde des 9. November wird vielleicht die Geburtsstunde der verhängnißvollsten Zeit. Birgt diese für die Monarchie in Deutschland die Stunde ihres Untergangs, dann mögen die Fürsten nicht das Volk anklagen, sondern ihr Wehe! über diejenigen ihrer Diener rufen, welche aufgerissen haben mit Gewalt die Pforten des Unterreichs, losgebunden die wüthenden Leidenschaften und herauf beschworen die Furien, welche gefesselt im Orkus lagen. – Warnend und drohend rief die Geschichte: „Noch Keiner hat gesiegt, der mit dem Volke solchen Streit gesucht und ihn geführt hat in solcher Weise.“ – Aber es war in den Wind gesprochen!

Wie es auch werde, auf Eins können wir sicher rechnen. Entwickelung und Fortschritt stehen der Zeit an der Stirn geschrieben, und die Nation verfolgt ihren innersten, ihr von Gott eingepflanzten Trieb, wenn sie vom Staate die Bedingungen beharrlich fordert, welche eine freie Entwickelung gestatten und erleichtern. Wenn es Fürsten gibt, die, von ihrem Hochmuth getrieben, sich unterfangen, die Nation in solchem Begehren zu hemmen und zu irren, so sind sie Despoten, und sie sind Thoren, wenn sie glauben, es werde ihnen damit gelingen. Noch nie hat ein solches Gegenstreben zum Ziel geführt. Von jeher haben die Völker in solchen Lagen ihre Dämme durchbrochen, und ihr eiserner Wille hat noch stets die Fesseln gesprengt, welche man ihnen mit List und Gewalt anlegte. Und was die Geschichte anderer Völker als untrüglichen Erfahrungssatz hinstellt, das wird die deutsche Nation nicht Lügen strafen.

Vor 600 Jahren war in Deutschland auch eine Zeit, der unsrigen zu vergleichen. Auch damals war ein Uebergang aus einem Zeitraume in den andern; es war eine Zeit des Gährens und Brausens, des Trennens und Zerfallens, des Zersetzens der alten Organismen und des Wiedervereinigens ihrer Atome zu neuen Verbindungen