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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band | |
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Saat der Bildung, der Wissenschaft und Künste, gelangte zu hervorragender Geltung. Der neue Zeitraum hatte seine Form gefunden, und der große Hebel zur weiteren Entwickelung seines Wesens wurde ihm, als bald darauf Columbus, der Argonaut der Neuzeit, die andere Hälfte der Erde zu der schon bekannten fügte und den erstaunten Zeitgenossen die Entdeckung Amerika’s verkündigte. Seht, das war auch eine große Zeit, und an schaffender, bildender Kraft nicht kleiner als die unsrige.
Und nun wollen wir die Kirche näher betrachten, auf deren Kanzel der heilige Bernhard das Programm für jene Zeit gesprochen. –
„Ein Baumeister wollte einen Psalm dichten zum Lobe Gottes, und es wurde der Freiburger Münster daraus,“ sagen die Schwaben, und in der That ist dieser herrliche Tempel die Krone des deutschen Kirchenbaues. Er ist, was bei wenigen der Fall ist, ausgebaut, und da er frei in der Mitte eines großen, mit altertümlichen Gebäuden eingefaßten Platzes steht, so findet der Beschauer auf allen Seiten einen vorteilhaften Standpunkt. Der Bau selbst wurde im Jahre 1122 angefangen. Landesherr, Klöster und Bürgerschaft hatten sich vereinigt, die Kosten desselben gemeinschaftlich zu tragen. Nach einigen Jahren sagten jedoch Fürsten und Pfaffen ihre Beiträge auf und der Bau stockte; es kam auf den Punkt, daß er eingestellt werden sollte. Da versammelte sich die Gemeinde um die sich schon zum Abzuge anschickenden Werkleute, und, Angesichts der hochstrebenden Wände und Pfeiler, thaten sie in frommer Begeisterung allesammt den Schwur, die Kirche fertig zu bauen auch ohne Pfaffen- und Fürstenpfennige, selbst wenn sie die letzte Ziegel auf ihren Dächern verpfänden müßten. Und so geschah es wirklich. Die Bürger verpfändeten ihre Häuser und Felder und verkauften entbehrliches Eigenthum, um die Summen beizuschaffen, welche die Fortsetzung des Riesenbaues verlangte. Arme, die nichts zu verpfänden und zu verkaufen hatten, arbeiteten als Handlanger oder Werkleute wöchentlich einen Tag umsonst; und der Gedanke, – „Alles geschieht zu Gottes Ehre!“ – ließ jede Entbehrung und jedes Opfer, auch noch so groß, doch leicht ertragen. Nach 24 Jahren war der Bau so weit vorgerückt, daß der heilige Bernhard zur Einweihung der Kirche gerufen werden konnte, und die erste Predigt rief, wie ich schon erzählt habe, zum Zuge nach Palästina auf. Der damals fertige Theil der Kirche begriff jedoch nur das Schiff; der Bau des Chors und des Thurmes wurde fast noch drei hundert Jahre lang fortgesetzt, und das Ganze, wie es jetzt zu sehen ist erhielt 1513 seine Vollendungsweihe. Viele Millionen hat es gekostet; aber weit mehr ist die Ausdauer zu bewundern, welche nöthig war, um mit scheinbar so schwachen Mitteln ein solches Werk zu schaffen. Es würde die Macht eines großen Reiches geehrt haben; hier thaten es die vereinigten Kräfte der Bürger einer kleinen Stadt; sie thaten es zehn Generationen hindurch – erst die eilfte sah den Tag, der das Vollendungswerk geweiht hat!
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1847, Seite 260. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_12._Band_1847.djvu/268&oldid=- (Version vom 16.4.2025)