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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band | |
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Es ist nicht zu leugnen, daß die Idee vom patriarchalischen Staat mit seinen guten Landesvätern und unwandelbar gehorsamen Landeskindern, seinen erbweisen Hirten und erbfrommen Heerden, seinen allzeit erfahrenen Führern und tapfern Streitern und Schirmherren einer kindlichen Phantasie als höchst liebenswürdig erscheint. Grenzt ein solcher Staat doch so nahe an das Schlaraffenland, welches wir in guten Stunden unseren Kleinen zum Ergötzen vormalen, und tritt doch Alles so alttestamentlich vor uns hin, daß mit jenem Staatsbilde die schönsten Erinnerungen aus der Kinderzeit, wo die Bibel unser tägliches Lesebuch war, uns wieder vor der Seele aufsteigen. Die Geschichte leugnet auch nicht, daß es während der Wiegen- und Gängelzeit der Nationen einzelne kurze Zeiträume gegeben habe, die uns das Staatsleben derselben in einer jenem Ideale mit Glück nachgeformten Gestalt zeigen. In einer Monarchie solcher Art konnte die Gesellschaft ein stilles Glück genießen, und sie genoß es wirklich, wenn das zarte und feste Band der Häuslichkeit und der sittigen Liebe, welches die Familien zusammen knüpft, auch den Staat zusammen hielt, der Gemeingeist das Ganze umschlang und die Autorität, ausgeprägt mit dem Stempel der Erfahrung und praktischen Weisheit, mit ethischer Würde und Lauterkeit die Krone trug. Vor einer solchen, die sich selbst nie ein Unrecht gestattete und Gerechtigkeit übte in allen Dingen, beugte sich willig die Gemeinschaft, und wenn, wie es in den ältesten Zeiten fast immer der Fall war, sich in der Person des Fürsten auch der Oberpriester, der Vermittler der Gottheit einigte, so mochte man der Autorität wohl eine Delegation vom Himmel gläubig zuerkennen.
Unsere Monarchien von Gottes Gnaden pflanzten den Baum, von dem sie ihre Zepter schnitten, in jenen idealen Boden: der Stammbaum der Könige wurzelt im alten Testament. Das vierte Gebot, das Gebot der kindlichen Ehrfurcht, wurde die Inschrift der Throne. Treue und Gehorsam, Glaube und Vertrauen wurden zu ihren vier Ecksäulen gemacht, und so lange ein Thron getragen wurde von solchen Stützen und auf dem Thron ein verständiger, milder, barmherziger Spender des Rechts saß über Alle, der in der Kraft des moralischen Weltgesetzes wirkte und handelte, konnte man solche Monarchen wohl von Gottes Gnaden nennen, denn ihr Thun war ja sichtbar nach den Rathschlüssen des ewigen Weltgeistes. Aber ein solcher Bau wird zum Teufelsspuk, wenn seine Säulen verfault sind und die eisernen Pfosten der Gewalt und Willkür, der Lüge und Habsucht an ihre Stelle treten. Dann wird eine Monarchie nicht von Gottes Gnaden, sondern von Satans Grimm
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1847, Seite 262. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_12._Band_1847.djvu/270&oldid=- (Version vom 16.4.2025)