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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band | |
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Das Volk, das hat wahrlich seine Schuldigkeit gethan, die Throne fest und in Ehren zu erhalten. Es gelang ihm nicht. Warum nicht? Die aus dem Herzen des Volks emporgewachsenen Säulen der deutschen Throne wurden von den Fürsten und ihren Räthen nicht mehr werth gehalten. Man pflegte ihrer nicht mehr, man ließ sie in Koth und Schmuz verfaulen und vom Gewürm zerfressen. Ungerechtigkeit, Lüge, Haß, Laune und Leidenschaft traten den alten Volkstugenden fast allwärts entgegen und gründeten ihre Herrschaft auf Furcht und blinden Glauben, Knechtsinn und blinden Gehorsam. Die treuherzigen, biedern, redlichen, rauhen, scharfkantigen, eckigen Charaktere, welche mit den Fürsten zu Rathe saßen, wurden unbequem gefunden und entfernt, es wurden die blinde persönliche Ergebenheit und Unterwürfigkeit an ihre Steile gerufen und die Landesväterlichkeit zur Mimik wohlerzogener Willkür gefälscht, welche unter ihrer Larve das Geheimniß unbedingter Gewalt vor den Uneingeweiheten verbarg. Die deutschen Höfe wurden zu Herbergen aller Sünden und aller Schlechtigkeit, aller Unehre und aller Niedertracht, in deren Atmosphäre kein Mann und kein Weib von wahrer Ehre und sittlichem Werthe leben konnte; und auf diesem hohlen Boden führten die Fürsten die Schule auf für die Schmiegsamkeit und Knechtung der Gesinnung, für die feine Sitte der guten Gesellschaft, für den leichten Ton und die Gewandtheit in allen Verhältnissen des geselligen Umgangs, kurz: für die Apotheose der Heuchelei und der Lüge. Poesie und Künste wurden zu Kammerjungfern und das Genie wurde courfähig, wenn’s mit galanter Willfährigkeit die Glorie des Hofs verherrlichte. Was von der ehrlichen, rechten Anhänglichkeit, der freien, kecken, derben alten Treue noch übrig war, das wurde, versuchte es eine Annäherung an den Landesherrn, ungnädig oder schnöde und hochfahrend zurückgestoßen und in die Stille des Familienlebens verwiesen; – der Wuchs des freien Mannes paßte nicht in den französischen Gartengeschmack der deutschen Fürsten, welcher Bäume und Menschen an Spalieren und mit der Scheere zu Fratzen zog. Sogar die Religion machten die Fürsten zur Hofmagd und die Hof- und Oberhofprediger lernten es gar bald, den starren Glauben und seine strengen Vorschriften dem Ohre des Allerhöchsten und seinen Schranzen angenehm zu machen. Die Lehre: das Christenthum sey gut genug, um für das Volk einen Nasenring daraus zu machen, für die Vornehmern müsse es aber ein leichtes, süßes Ruhekissen seyn, wurde von dem Pfaffengeschlecht schnell begriffen. Als nun Alles hergerichtet und die Herren und Meister sahen, daß es gut war, so setzte sich häufig der Despotismus geharnischt und beutegierig auf den Sessel der Monarchie, umwickelte sich mit ihrem gesetzlichen Purpurmantel, stülpte die Krone von Gottes Gnaden auf den absoluten Kopf und trat hohnlachend die Säule der Volksgeduld mit Füßen. Und hatte dann ja einmal das Volk in den Augen eines jungen Fürsten eine bessere Zukunft gelesen und in Erwartung milderer Tage die harte Gegenwart ertragen, wie lange währte es, so konnte der Geschichtsschreiber den alten Satz wiederholen: „Die schönen Hoffnungen, welche das Land auf seinen jungen Fürsten gesetzt hatte, blieben leider unerfüllt.“
An diesen Satz erinnerte uns ein Blick auf unsere Stahlplatte. – Ludwigsburg, die zweite Hauptstadt Würtembergs, ist ein Produkt der Fürstenlaune und Maitressenrachsucht. Weder die Maintenon, noch die
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1847, Seite 266. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_12._Band_1847.djvu/274&oldid=- (Version vom 16.4.2025)