Seite:Meyers Universum 12. Band 1847.djvu/276
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band | |
|
|
reinigte das Land von unfriedfertigen Patrioten. Endlich hatten doch einmal die Stände in Stuttgart, Angesichts der Noth im Lande, den verzweifelten Muth, allersubmisseste Vorstellungen an den verbrecherischen Thron zu richten; aber das rachsüchtige Weib schwur Stuttgart zu züchtigen für alle Zeiten und der bürgerlichen Kanaille einen Maulkord anzuhängen, wie sie noch keinen getragen: in Folge dessen baute sie ein Trotz-Stuttgart, eine zweite Residenz.
Dies war Ludwigsburg, wo früher nur ein kleines Jagdschloß gestanden hatte. Zwölftausend Bauhandwerker und Arbeitsleute strömten auf den Wink der Maitresse herbei, und aus den Feldern und Wiesen erstiegen wie durch Zauber die prächtigen Häuser zu Straßen und Märkten. Die Gründung einer umfangreichen Stadt, die königliche Pracht der Fürstenwohnung, der Glanz des Hofstaats und die unaufhörlichen Feste fraßen abermals Millionen. Das Volk, das unter der Presse lag, gab sie unter dem unwiderstehlichen Druck her. Doch war das noch nicht der größte Schaden, den die neue Einrichtung dem Lande brachte. Dadurch, daß man alle höchsten Staatsstellen, Behörden und Anstalten von Stuttgart nach Ludwigsburg überstellte, wurde Stuttgarts bürgerlicher Wohlstand in der Wurzel angegriffen, und die Verarmung der Hauptstadt dehnte sich in weiten Kreisen über das Land aus. Der Häuserwerth in Stuttgart fiel auf ein Drittel und Tausende von Familien verloren schon dadurch ihr ganzes Vermögen. Der Strom des Adels und der vornehmen Fremden war nach dem neuen Paradiese des Schranzenthums hingeleitet und dort, aller Scheu vor dem Volke baar, gingen die Festlichkeiten nicht aus, eine üppiger und glänzender als die andere. Uebermüthig ließ man sogar gegen das Volk noch die Intrike spielen. Man fachte den Neid von Land und Städte gegen einander an und stellte die Zwietracht und den Haß unter die Regierungskünste. Hatte bis jetzt das Volk wenig ausrichten können gegen die Phalanx der Hofpartei, so wurde nun seine Widerstandskraft durch Uneinigkeit ganz gelähmt. Das Uebrige thaten Furcht und List, welche bald durch Versprechungen, bald durch Drohungen auf die einzelnen Städte wirkten. Das Nehmen und Geben von Behörden, Anstalten, Garnisonen wurde eine neue Waffe in den Fäusten der schmuzigen Kamarilla – und wie solche Waffen wirken, das sehen wir ja in unsern Tagen!
Das Verhältniß zwischen dem Herzog und der Maitresse endigte in würdiger Weise. Als man das Volk ausgedrückt hatte, wie man eine Zitrone bis zur trockenen Schale ausquetscht, als das Land zu Grunde gerichtet war, als die Hure sammt ihrer Sippschaft Reichthümer aufgesammelt und fortgeschafft hatte, der Fürst aber auf leeren Kassen saß: da schüttelte der Landesvater unbehaglich seine Rosenkette und seine große Seele erhob sich zu einem großen Entschluß: er fertigte einen Befehl aus, kraft dessen die Frau Gräfin augenblicklich das Land zu verlassen habe, lief aber selbst davon, ehe noch der Befehl der Mätresse übergeben war, um den Erfolg seiner großen Unternehmung weit vom Schuß - nämlich in Berlin – abzuwarten. Die Frau Gräfin aber blieb. Nun offenbarte sich des Herrn Seelenadel in seinem ganzen Glanze. Herzog Eberhard Ludwig ließ die Geliebte durch eine Schwadron Dragoner bei nächtlicher Stunde aufheben, auf das Bergschloß Urach bringen
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1847, Seite 268. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_12._Band_1847.djvu/276&oldid=- (Version vom 17.4.2025)