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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band | |
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anwies. Es geschah in Rom, das schon zwei Mal die Welt erobert hatte; einmal mit dem Schwerte, das andere Mal mit dem Kreuze, und nun den dritten Weltzug beginnen sollte mit der Idee der Volksfreiheit und Selbstregierung. Sie wird – ich glaube es – die Erde umkreisen.
An einem Wintermorgen des Jahrs 1846 öffneten sich die Pforten des Vatikans, und die Herolde traten heraus, den Tod Papst Gregors XVI. zu verkündigen. Gregor war alt, sein Hinscheiden lange vorhergesehen. Es wäre ein kleines Ereigniß gewesen in gewöhnlicher Zeit. Was demselben aber den Stempel einer Weltbegebenheit aufdrückte, das war die Lage des Welttheils, Italiens, des Kirchenstaats. In diesem letzteren waren Unzufriedenheit und Verwirrung auf’s Höchste gestiegen. Das alte Regierungssystem war ganz verbraucht. Es war Alles aus den Fugen getreten, die Getriebe an der allen Maschine waren ausgelaufen, kein Rad mehr in Umgang. Da zu helfen bedurfte es nicht sowohl eines Regenten, als eines Reformators. Eine einzige Persönlichkeit war im Kardinalskollegium, die dazu taugte. Es war Mastai Ferretti – und das wählende Konklave setzte ihm als Pius IX die dreifache Krone auf.
Italien war damals ein Vulkan, dessen gespannte Dämpfe jeden Augenblick mit zerstörendem Ausbruch drohten. Rom war der Krater dieses Feuerbergs. Es war der Mittelpunkt des wiedererwachten Nationalgefühls, das die schlummernden Kräfte des italischen Volkes geweckt und in die heftigste Währung gebracht hatte. Die Italiener, die Römer vor allen andern, waren zum Bewußtseyn ihrer unwürdigen Lage gekommen. Die Indignation darüber erfüllte alle Gemüther; der Drang nach einer Aenderung und Verbesserung riß alle Herzen fort. Von den Alpen bis nach Sicilien wühlte in den Geistern das Gefühl der Unterdrückung und der Sehnsucht, aus der Zerrissenheit in die Einheit zu gelangen. Was – rief man sich zu – was rettet das Staatsleben von dem Abgrunde der Gewalt, der Willkür und der faulen Auflösung? Was führt den Formen, welche nur noch die stützenden Bajonette und der Kitt, aus Bürgerblut geknetet, an dem Auseinanderfallen hindern, neues Leben zu? Was anders, als die Ideen von Freiheit, Bürgerthum und Verfassung? Sie, die man bei dem drohenden Schiffbruch als die einzigen Anker erkannte, welchen zu trauen wäre, hatten schon längst Umlauf unter allen Gebildeten und sie fingen jetzt an, in’s Volk zu dringen. Dies gab sich kund in Neapel, in Sicilien, in Piemont, in Mailand, in Venedig, in Toskana, im Kirchenstaate; am entschiedensten in Rom. Hier züngelten schon in den ersten Tagen nach Gregors Tod unheimliche Flämmchen aus allen Spalten und Ritzen der dünnen Decke, welche das unterirdische Glutmeer verhüllte. – Bald fuhren Blitze auf. Sie umzuckten das Kapitol. Da, vom Geist des Herrn erfüllt, ergreift sie Pius, er schleudert sie, sie zünden, sie erleuchten die Welt. –
Pius IX. erstes Wort aus dem Vatikan ist das erste Wort des Epos der neuen Geschichte. Es ist das große Wort gewesen: „Das Evangelium ist eins mit der Freiheit.“ Sein erster Herrscherakt war desselben
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1847, Seite 33. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_12._Band_1847.djvu/41&oldid=- (Version vom 29.3.2025)