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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band | |
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würdig;– er hieß Amnestie! Wie ein Blitzstrahl schlug diese Großthat in alle Völker und in alle Herzen. Keiner, der nicht fühlte, wie mit diesem Akt jener alten, schlechten Politik der bodenlosen Selbstsucht und Treulosigkeit der Stab gebrochen war; Niemand, dem nicht damals die Ahnung beikam, es tage eine neue, bessere Zeit. Von Nord und von Mittag, von Aufgang und von Niedergang richteten sich die Blicke der Nationen nach Rom – diesem Rom, das noch einen Augenblick vorher die Mitte gewesen war, von welcher ausging die politische Verderbniß! Alle Hoffnungen und Wünsche und alles Vertrauen der Völker begegneten sich in der Stadt der sieben Hügel, die, eine neue, welterobernde Roma in die Zeit getreten war. Der Mann im Vatikan halte die Axt an den Baum gelegt, man hörte ihre Schläge, man sah seine Wipfel wanken; und die Eisenkrone, die um Europa geschmiedet war, sie war geborsten.
Von dem Anstoß, den Rom gegeben hatte, rollte das auf dem äußersten Gipfel stehende Rad des Weltgeschicks auf die andere Seite hinüber. Seine Bewegung war gleich von Anbeginn so heftig, daß sie in den Verhältnissen aller europäischen Staaten gefühlt wurde und, wo solche morsch waren, sie lockerte und erschütterte. Am mächtigsten war die Wirkung an ihrem Ausgangspunkte. Zustände und Volkscharakter wirkten hier zusammen, um zum Ungemessenen hinzuziehen und aus dem Extrem der absoluten Monarchie in das Extrem der Anarchie überzustürzen. In solcher Lage des Zügels Meister zu bleiben, dazu gehörte göttliche Kraft. Pius hatte sie. Er schrieb „Freiheit als Frucht der Entwickelung“ auf sein Programm, und wir haben das Wunder gesehen, – er hat sein Programm gehalten.
Ueber Italiens Grenzen hinaus reichten Pius’ Reformpläne inzwischen nicht. Pius selbst hat so wenig daran gedacht, die sociale Revolution in Europa zu machen, als der Hauptmann, der in Guizots Hotel „Feuer“ auf das jubelnde Volk kommandirte, daran gedacht hat, die Monarchie in Frankreich zu stürzen und die Republik zu machen. Das hat ein Höherer gethan; Der hat’s gethan „dessen Zwecken die Gestirne dienstbar sind und alles Geschöpf auf Erden.“ – Pius warf den Stein. Die Wellenringe, die, vom Vatikan ausgehend, jetzt schon bis an die Gestade der Ostsee schlagen, sind Wirkungen nach ewigen Gesetzen, nicht nach dem Willen des Werfenden.
Wo kein Wasser ist, da sind auch keine Wellen, und wo kein Zündstoff sich gehäuft hat, da facht kein Funke eine Flamme an. – Auch in Deutschland hätten die Funken, die vom Scheiterhaufen des französischen Königsthrons über den Rhein herübergeflogen, keinen Brand gemacht, hätte der morsche Staatsbau nicht allwärts dürres Holz in Menge dargeboten. Die Revolution hätte sich nimmer in 14 kurzen Tagen, an allen Thronen wackelnd, und alle Fürsten zum Geständniß ihrer Schwäche und Wehrlosigkeit nöthigend, von der Saar bis zum Niemen, von den Alpen bis zur Eider fortwälzen können, hätte der Zerstörungsprozeß nicht schon früher unsere Staatseinrichtungen bis in die äußersten Wurzelfasern zerfressen gehabt, wäre nicht schon die Entfremdung des
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1847, Seite 34. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_12._Band_1847.djvu/42&oldid=- (Version vom 29.3.2025)