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DXXV. Der Viadukt über die Lagunen nach Venedig.




Jede Zeit und jedes Alter im Volksdaseyn hat seinen eigenen Genius, unter dessen Einfluß das grünende Leben Blüthen und Früchte treibt und der sein Zeichen den Monumenten aufdrückt, welche der Gegenwart äußere Erscheinung in ferne Zeiten tragen. Im Mittelalter war der Glaube dieser Genius, und was das christliche Europa uns Großes aus jener Zeit überlieferte, ist vorzugsweise des Glaubens Werk. Des Glaubens magische Zauberkraft war es, welche aus der Erde Schooß jene Münster emporgetrieben, gegen deren Herrlichkeit Pracht und Symbolreichthum kleinlich, dürftig und kahl erscheint, was spätere Zeiten in gleicher Art geschaffen haben; der Glaube war’s, der auch das Unbedeutende durch die Idee erhob und den Formen tiefe Gedanken gab; der Glaube war es, der sich damals in der Weltanschauung der Geister widerspiegelte; der Glaube war’s, der die Phantasie ergriff und ihre Welt mit neuen, unerhörten Naturbildern und Vorstellungen erfüllte; der Glaube war es, der, als das bewaffnete Auge zum ersten Mal in den neu entdeckten Weltraum drang, auch im Himmel die Vorstellungen wiederfand, welche Jeder im Herzen trug. Kurz, der Glaube war in jenem Zeitalter die Axe des Lebens, so bei den Völkern, wie bei dem Einzelnen.

Unser Zeitalter steckt ein anderes Banner auf. Sein Genius ist das Nützliche. Die Größe des Wissens und Erkennens, ausgereift und getragen vom Gemeinsinn, auch ausgerüstet mit einem ernsten, kraftvollen Bildungstrieb, äußert sich in den Werken des öffentlichen Nutzens, welche hinter sich lassen Alles, was irgend ein Volk jemals Aehnliches hervorgebracht hat und der Nachwelt überlieferte. Straßburger Münster wachsen nicht mehr zum Himmel hinan, man baut auch keine Paläste mehr, wie sie ein Ludwig XIV. bauen konnte, jene unermeßliche Wohnungen, welche Millionen zu Hunderten kosteten und aufgerichtet wurden von den Königen, um, mit der Lüderlichkeit und Schlechtigkeit im Bunde, in wilden, phantastischen Festen und üppigem Schaugepränge den Wohlstand ganzer Völker zu verprassen; es ersteht kein Versailles mehr und auch kein Trianon: die großen Werke der Jetztzeit sind Eisenbahnen, Kanäle gräbt man, man führt Straßen aus, welche die Alpen ebnen, und Brücken und Viadukte, welche die Ufer der Ströme verbinden und zusammenknüpfen, was das Meer von Ewigkeit her geschieden hatte.

Von einem Bauwerk dieser Art, das die Verkörperung des kühnsten Gedankens ist, den je ein Architekt für ausführbar gehalten hat, liegt ein Bild vor uns. Es ist die Eisenbahn-Brücke über die Lagunen, welche