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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band | |
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Venedig, die Braut des Meeres, mit dem festen Lande, und durch die Fortsetzung des Schienenwegs, mit Mailand verbindet.
Dieser Viadukt ist 22,000 pariser Fuß lang, also etwas mehr als eine deutsche Meile. Der Architekt Noale fertigte den Plan und leitete die Ausführung. Der Kostenanschlag war 5 Millionen Lire, der Zeitanschlag 5 Jahre. Dieser Bau, der 1841 begann, ward in kaum 54 Monaten (im Oktober 1846) vollendet. 1000 Arbeiter und 100 Schiffe und Barken zur Beischaffung des Baumaterials, zu denen 300 Kähne zum Transport der Arbeiter von einer Arbeitsstelle zur andern sich gesellten, waren während jener Zeit unausgesetzt in Thätigkeit, und einige tausend Hülfsarbeiter wurden außerdem noch bei dem ersten Angriff verwendet. Es wurden nicht weniger als eine Million Kubikfuß Mauerwerk ausgeführt und über 50,000 Stämme, meistens Eichenholz, zu den Pfahlrosten verbraucht, welche die 216 massiven Pfeiler tragen. Die Brücke selbst besteht aus 222 Bogen, von je 30 pariser Fuß Spannung bei gleicher Breite. Auf der einen Seite schließen sich breite geplattete Trottoirs an die Bahngeleise, welche 5 Fuß 8 Zoll engl. aus einander liegen. Die Brücke lehnt sich sowohl in Venedig als am festen Lande an 2 Brückenköpfe, die zur Verteidigung geschickt sind. – Der architektonische Charakter des großen Werks ist, seiner Bestimmung angemessen, Einfachheit und Dauer. Sämmtliche Pfeiler sind aus festem istrischen Granit aufgeführt und mit römischer Pozzuolanerde gefügt
Venedig ist jetzt durch das eiserne Band mit dem Kontinent Italiens vereinigt. Es hat seine frühere Eigenthümlichkeit, nicht ohne Ruder und Segel zu ihm gelangen zu können, verloren: denn seitdem die Lokomotive über die Lagunen braust, nimmt sich Niemand mehr die Mühe, die Gondel zu besteigen. Aber mit dem Roß der neuen Zeit hat auch ihr belebender Odem die Stadt berührt; es ist ein frisches Leben in Venedig aufgekommen, die alten Geschlechter verjüngen sich, sie betreten wieder die Bahn, welche die Ahnen groß gemacht hatte: sie sinnen auf Erwerb in Handel und Schifffahrt, wetteifern unter einander in Entdeckung und friedlicher Eroberung neuer Hülfsquellen und Stützpunkte für den Verkehr, und thun dieß mit solchem Erfolg, daß es die Eifersucht des begünstigteren Triests schon im hohen Grade erregt hat. Nun, da Venedig das Joch Oesterreichs entschlossen abgeschüttelt hat, wird es das Handelsemporium des freien Italiens werden und sein knospendes Gedeihen schnell zur Blüthe sich öffnen. Eine größere, glücklichere Zukunft ist ihm sicher beschieden, wennschon es nie auf die Rückkehr der Zeiten hoffen darf, da seine Flotten unter dem Zeichen des Kreuzes und des Löwen von Sankt Mark das mittelländische Meer bedeckten, Bürger der Republik den Stolz von Fürsten im Busen trugen und die Republik selbst ihren Willen fremden Königen als Gesetze diktiren konnte.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1847, Seite 46. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_12._Band_1847.djvu/54&oldid=- (Version vom 29.3.2025)