Seite:Meyers Universum 12. Band 1847.djvu/57
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band | |
|
|
„Freiburg!“ – welche bewohnte Stätte Deutschlands trägt ihren Namen mit so vollem Rechte, wie Du, einfache, bescheidene Stadt im Thal, der Dreisam? –
Deine verfallenen, von lustigem Rebengelände überwucherten Wälle umgürten keine den Blick verwirrenden Häusermassen, keine Prachtpaläste reihen sich zu riesigen Straßen aneinander, keine obherrschende Vornehmheit trägt sich auf Deinen offenen Plätzen zur Schau; – krumm und winkelig, wie Laune und Zwang sie zusammengedrängt, stehen Deine wenigen alten, grauen und Deine vielen neuen, hellen Wohnungen in bunter Reihe neben einander, und weder in Deiner Kaiserstraße noch in Deiner Pfaffengasse entbehrt man den Anblick, der uns den guten Bericht bringt, daß hier nach wohlerprobter Sitte ehrsam bürgerlich Haus gehalten wird. – Und wie die Stadt, ist ringsum das Thal: freundlich und lieblich, ein Garten, in welchen die Höhen des Schwarzwalds nachbarlich hineinschauen. Und mitten aus dieser einfachen deutschen Landschaft, über diese kleinen, hellen Gebäude, über die Gartenhäuschen und Pappelalleen ragen die gewaltigen Massen eines Doms, der würdig wäre, eines Reiches Hauptstadt zu krönen! Wer hat diesen Riesen gesetzt zu jenen Zwergen? Wie soll das Auge Vermittelung finden für diesen Zwiespalt der Verhältnisse?
Gottlob! Für das deutsche Auge hat in unseren Tagen dieses Bild die erhebendste Einheit gewonnen. Das deutsche Auge sieht jenen Dom erglänzen von einem Lichte, welches seine Strahlen durch Nacht und Sturm über alle Länder deutscher Zunge ausgegossen, den Verzagten geleuchtet, die Erstarrten gewärmt hat, welches von keinem tückischen Wind gebeugt, von keinem Orkanwüthen erstickt worden ist, bis der Augenblick der Tageshelle über ganz Deutschland heraufgezogen war. In Freiburg ist die Quelle dieses Lichts. Hier ging die Sonne des deutschen Völkerfrühlings auf, ihr Strahlenkranz erhebt die „freie Burg“ des Breisgau’s zum Mittelpunkt des befreiten Vaterlandes, und als ob es jener Zähringer geahnt hätte, daß einst hier sein Werk die würdigste Stätte schmücke, hat er Deutschlands schönsten Dom aufgebaut in der Ehrenburg der deutschen Freiheit!
Freiburg hat unter seinen 1200 Gebäuden gar manches Haus, in welchem der Leser die Heimathstätte dieses Lichts vergeblich suchen würde. Nicht aus den fürstlichen Hallen des erzbischöflichen Palastes ging es hervor: dort trat man den Segnungen der Aufklärung und des Fortschritts mit der Priesterwaffe des Fluchs entgegen, verbannte die deutsche Sprache, als eine „dazu untaugliche und ganz gemeine“, aus der Kirche und suchte
- ↑ Geschrieben von wackerer Freundeshand. Mr.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1847, Seite 49. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_12._Band_1847.djvu/57&oldid=- (Version vom 29.3.2025)