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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band | |
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die Spitze des Reichs treten und die Würde erblich seyn, so lange das Geschlecht bestehe; man dachte die Herzoge des Reichs, die Fürsten und Standesherren um ihn versammelt zu einer Pairskammer; die Nation aber in einer zweiten Kammer als Reichsparlament mit der Initiative der Gesetzgebung. Diese Verfassung hielt man damals fast einstimmig für die einzige, welche lange Zeit dauern könne und für diejenige, welche dem deutschen Charakter und der deutschen Sinnesart paßlich sey.
Der Wiener Congreß jedoch konnte sich zu einem so großen architektonischen Plane nie erheben und der Schmutz der fürstlichen Partikularinteressen, welcher die Versammlung dominirte, konnte nichts Besseres gebühren, als die schlechte Bundesakte und den schlechten Bundestag: – die Quelle unserer Unterdrückung und unserer tiefsten Erniedrigung seit 30 langen Jahren. Die Vorsehung hatte ein Anderes beschlossen. Nicht aus den verdorrten Baumkronen, nicht von Oben herab sollte ein mattes Scheinleben sich gestalten; auf anderem Wege, aus dem frischen Leben von unten herauf sollte die Idee grünen und in die Höhe treiben, und, wenn die Stunde der Reife gekommen wäre, sich offenbaren und zur That gestalten. Ein Kaiser und Ein Reich ist nun von Neuem ein Losungswort geworden; es hallt weithin durch’s Land, und dieser Ruf, der ehedem Verbrecher machte, welche Jahre lang im Kerker büßen mußten für die unerhörte Frechheit, dem deutschen Bund die deutschen Farben, dem deutschen Fürstenverein einen gekrönten Präsidenten, oder den acht und dreißig Köpfen eine gemeinsame Krone aufdringen zu wollen, findet jetzt an den Stühlen der Bundesfürsten selbst das lauteste Echo. So ändern sich Zeiten und Menschen! Dreißig Jahre des schmählichsten Drucks, ein dreißigjähriger Krieg des Geistes der Freiheit gegen die nächtlichen, das Schlachtfeld unterminirenden Angriffe der Herrschsucht und des Knechtsinns, dieser gefährlichsten Koalition gegen Glück und Ehre der Völker, und so viel edle, nutzlos verbrauchte Thätigkeit – waren nicht vermögend, den Ruf: „Ein Kaiser und ein Reich!“ zur Anerkennung zu bringen; und jetzt reichen 14 kurze Tag, hin, um ihn, dem gewaltigen Rufe nach Republik gegenüber, als Ruf der Loyalität zu bezeichnen, ja ihn zum Rettungsanker zu machen, welchen das lecke Fahrzeug der Familienherrschaft in Deutschland halten soll in dem Sturme, der es umtobt und mit gänzlicher Vernichtung bedroht.
Vor einem solchen Abschnitt in der Geschichte des deutschen Volks ist es gut, einmal dessen Kaisergestalten vergangener Zeiten zu mustern und nach Idealen zu suchen, die auf jeden Fall die große Gegenwart noch mehr bedarf, als jede frühere deutsche Zeit. Finden wir aber diese Ideale? Wo sind denn die großen Männer strengen Sinns, jene eisernen Naturen, in Widerwärtigkeit stahlhart ausgehärtet, daß sie mit der Sense des Schwerts und mit der Schneide des Worts das dürre Heu wegmähen, damit daß junge Leben Raum gewinne? In welchem Geschlechte stehen denn wahre Helden, Riesen an Muth und Willenskraft und Körperstärke, die die deutsche Krone trugen über Alle und von denen deutsches Volk singt und sagt bis an der Zeiten Ende? – Einen Einzigen trägt als solchen das Volk im Munde. Der Rothbart war’s, von dem die Sage umgeht, er werde, wenn der Freiheit rechte Stunde geschlagen, herabsteigen von seinem Kyffhäuser und Deutschland groß machen
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1847, Seite 72. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_12._Band_1847.djvu/80&oldid=- (Version vom 30.3.2025)