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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band | |
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über alle Reiche der Erde. Das war in Hohenstaufen. In dem Geschlecht der Hohenstaufen allein hat die Idee deutscher Reichseinheit, kaiserlicher Machtfülle und imposanter Stellung gegen Außen, den Hauptbedingungen der Größe des Vaterlandes, seine Erscheinung gefunden. Es war aber nur eine persönliche Erscheinung: die Idee hat die Sage dazu gethan.
Als die Hohenstaufen den deutschen Reichsapfel erfaßten, litt das Reich an schweren Gebrechen. Die Reichseinheit war untergraben, am Stamm des Nationlebensbaums nagte damals schon das Gewürm, unter dessen rastlosen Treiben im Völkerwalde Europa’s kein einziger Baum zu reiner und voller Blüthe gelangen konnte : Fürstenaristokratie und Pfaffenherrschsucht zehrten an ihrem Marke. Die Herzöge, Fürsten und Grafen des Reichs hatten die Schranken des Beamtenthums, innerhalb welcher noch die Ottonen und die ersten Kaiser aus dem salischen Hause sie fest zu halten gewußt, schon unter Heinrich V. niedergerissen. Denn nachdem ihnen dieser Kaiser die Erblichkeit ihrer Aemter und Würden zugestanden hatte, war die Theilung der öffentlichen Gewalt nur ein zweiter Schritt; mit dem dritten erhob man die Getrenntheit der Macht zum Prinzip. Der eifrigste Beförderer dieser Zersplitterung war das Papstthum, oder, wie Priestereitelkeit und pfäffische Anmaßung sich noch heute mit Gewicht ausdrücken – die Kirche. In früheren Zeiten hatten Klerus und Kaiser gemeinschaftlich gegen die Machtentwickelung der weltlichen Großen angekämpft. Beiden zum Heil, so lange der Kaiser das Scepter über den Krummstab schwang, so lange es in seiner Machtvollkommenheit stand, Männer seiner Wahl auf die höchsten und wichtigsten Kirchensitze zu führen. Gregors VII. Sieg über Heinrich IV. warf das Scepter unter des Papstes Pantoffel: mit der Aufhebung der Investitur, d. i. der Belehnung der Geistlichen durch den Kaiser mit Ring und Stab (das wichtige Symbol der Lehnsabhängigkeit des Klerus von der weltlichen Macht!) war das Band, welches bisher den Klerus in der Unterthanenschaft des Staats festgehalten hatte, zerrissen: aus dem starken Bundesgenossen im Kampfe gegen die Unabhängigkeitsgelüste der Fürsten war der gefährlichste Feind der Reichseinheit hervorgegangen: die Priesterschaft im Dienste der Hierarchie. So hatten sich die deutschen Fürsten und der römische Papst in die Hände gearbeitet, jene, um im Reichsschiff nach Belieben zu walten, dieser, um das Wrack nach seinen Plänen zu lenken. Nicht zu verkennen ist, daß noch ein Drittes mächtig beitrug, des Papstes Krone zu einer dreifachen zu machen: der Geist der damaligen Zeit. Es war eine neue Weltanschauung im christlichen Europa zur Herrschaft gelangt: „das Innerliche hatte über das Aeußerliche, das Spirituelle über das Sinnliche, das mystisch-religiöse Gemüth hatte über den klaren Verstand“ den Sieg davon getragen. Religion, Kirche und Leben waren damals so in Eins zusammen geschmolzen, daß keine menschliche Thätigkeit ohne dieses Motiv groß und erhaben genannt werden durfte: denn wie die Wissenschaft nur darum in Ehren stand, weil sie die Lehren der Kirche auch durch die Vernunft als unzweifelhaft wahr und göttlich zu begründen suchte, so fand die Waffenführung ihr höchstes Ziel im Kampf für die Kirche: das Ritterthum begann seine schwärmerisch-religiösen Heldenthaten, und bewährte sich am glänzendsten und
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1847, Seite 73. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_12._Band_1847.djvu/81&oldid=- (Version vom 30.3.2025)