Seite:Meyers Universum 12. Band 1847.djvu/87

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
DXXXII. Luzern.




Luzern, das finstere Jesuitennest, und Luzern, wo der erste Funke hinfiel, dessen Brunst weit über den Gesichtskreis der Alpen hinaus leuchtete, die schlafenden Völker weckte und ihnen zeigte, daß das Maaß gefüllt war bis zum Rande und die erzürnte Nemesis ihr Werk beginne. In Luzern ward der Damm zuerst durchbrochen. Der erste Freischaarenzug zur Vertreibung der Jesuiten war die erste blutige That, in welcher unsere Hoffnungsgedanken sich versammelten. Mit diesem Zuge, dessen Motive Jeder billigte, der die Freiheit liebt, wenn auch das Ereigniß selbst vielen Hader in der Meinung entzündete, erwachte im deutschen Volke das Gefühl von der Nähe der ewigen Gerechtigkeit zur Aenderung unerträglich gewordener Zustände. Er warf helles Schlaglicht auf die schmachvollen Verhältnisse im Vaterlande; er spornte die allgemeine Theilnahme an der Sache der Freiheit und den Haß gegen die Werkzeuge, die zur Unterdrückung jener dienten. Ernst war über die öffentliche Meinung gekommen, und von der Diskussion materieller Interessen sprang sie über zur Erörterung der geistigen. Durch das Blut, welches vor Luzern um der Jesuiten willen floß, war ein fruchtbares Ferment in alle Gemüther gefahren. Das machiavellistische System, welches die Völker Europa’s umspannt hielt, es hatte seinen Schleier abgezogen; es trat in seiner ganzen Scheusalsgestalt vor das erzürnte Auge. In vielen tausend Köpfen kam damals die Ueberzeugung auf, daß uns keine Gewaltthat zu groß, kein Opfer zu theuer seyn müsse, um jenes schmähliche Netz zu zerreißen, über welches der nicht mehr verhaltene Volksgrimm sich täglich entschiedener und strenger äußerte. Und so ist jener erste Luzerner Fehdetag auch für uns Deutsche eine folgenschwere Stunde geworden, die Wehestunde für die Geburt einer verhängnißvollen Zukunft: – einer Zukunft voller Glück oder Unglück, je nachdem die guten oder bösen Sterne überwiegen.

Daß unser Glück noch in Frage steht und daß noch der Zweifel eine Zuflucht findet – das eben ist der Jammer in dieser großen Zeit! Viel, ungeheuer Viel hat das deutsche Volk gewonnen und errungen in diesen wenigen Wochen: aber – wir dürfen es uns nicht verhehlen – es hätte wohl noch mehr gewonnen werden können, und gesichert ist von all dem Errungenen noch äußerst wenig. Wir wollen uns nicht täuschen. Die guten Geister sind zwar herauf beschworen, aber auch die bösen sind mit heraufgestiegen und Jene, die das Schlimme verschuldet haben von vorn herein, – sie – wir sehen’s ja! – sie zittern vor den guten und liebäugeln mit den bösen! – Ja, spreche ich’s nur aus: sie tragen neue Täuschung in der falschen Brust. Ablehnend