Seite:Meyers Universum 13. Band 1848.djvu/103
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band | |
|
|
Landestheile und Lokalitäten, oder sie wurden von den Regierungen zu Zwecken gemißbraucht, welche denen des Verkehrs fremd sind. Auf wie vielen preußischen Linien z. B. dominirt der strategische Zweck über den merkantilen und gewerblichen! – Viele auch danken ihre Entstehung der Agiotage allein und, nun fertig, stehen sie da als Monumente des Unsinns. Man hat Linien gebaut und Millionen über Millionen daran verschwendet, an deren Rentabilität nur Verrückte und Idioten glauben konnten; – man baute sie nicht um des öffentlichen Nutzens und der Rente willen, an welche die Unternehmer selbst nicht glaubten, sondern wegen des wucherischen Spiels mit den Aktien. Die Strafe folgte diesem Beginnen auf der Ferse. Die Lust ist hin, der Schmerz ist geblieben. Ueber 120 Millionen Thaler des Nationalkapitals sind am deutschen Eisenbahnbau verloren worden, – die meisten Bahnen stehen vereinzelt, als Fragmente, da; es sind Körper ohne Kopf und Schwanz. Nicht eine einzige von allen verknüpft die 3 deutschen Meere, nicht eine einzige erfüllt das dringliche, große Bedürfniß des Weltverkehrs und der Nation. Auch hier zerrann die Einheit, so sehr man auch das Bedürfniß nach ihr fühlt, in der Vielheit und das nöthige Verständniß im Hader. Alle deutschen Eisenbahnen gingen vom Partikularismus aus und entbehren des leitenden großen Gedankens, des Gedankens, welcher die Interessen der Nation, der Provinzen und des Weltverkehrs versöhnend, weise und wohlthätig zusammenzuknüpfen versteht und doch zugleich über alle diese Interessen unumschränkte Herrschaft übt, wie der kapitolinische Jupiter über alle Götter.
Ein einziger Plan trug diesen leitenden Gedanken an die Spitze und – scheiterte. Es war der meinige. Mein 1837 veröffentlichter Plan der hanseatisch-süddeutschen Zentraleisenbahn nahm die nationalen Interessen des gesammten Deutschlands, mit denen des Weltverkehrs eng verbunden, zum Vorwurf. Er ging von dem Grundsatze aus, daß das Einzwängenwollen des Verkehrs in naturwidrige und unangemessene krumme Linien sich über kurz oder lang rächen müsse, und daß in einem Eisenbahnnetz immer nur diejenigen Trakte den Großverkehr an sich ziehen und behalten werden, welche die kürzesten und geradesten Linien zwischen den Hauptverkehrspunkten nachweisen, und daß keine Bahn sich zur Welthandelsstraße erheben könne, welche nicht ein Bedürfniß des Weltverkehrs wirklich ist und befriedigt. Die kürzeste, die älteste Verbindung der drei deutschen Meere – der Welthandelsstädte Hamburg, Amsterdam, Bremen, Lübeck mit Triest unter Berührung der alten Emporien des Binnen- und Zwischenhandels, Hannover, Braunschweig, Nürnberg und Augsburg, – springt als der wichtigste, nützlichste und rentabelste Bahnbau von ganz Europa in die Augen, und es war nicht schwer, nachzuweisen, daß, sobald eine solche Bahn bestehe, der Welthandel zwischen Nord und Süd die diametrische Richtung wieder aufsuchen werde, welche er verlassen hatte seit Erfindung des Kompasses, und daß damit größerer Reichthum in das Herz des Vaterlandes strömen würde, als die Minen Amerika’s der alten Welt zuführten. – Sonnenklar lagen diese Verhältnisse vor. So vollkommen wurden sie auch gewürdigt, so groß war der Wetteifer unter den Organen der öffentlichen
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1848, Seite 95. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_13._Band_1848.djvu/103&oldid=- (Version vom 28.4.2025)