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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band | |
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Im Morgenland, wohin wir Abendländer unwillkürlich das Auge richten, wenn wir die Spur des Paradieses suchen, finden wir die erste Kunde von Nachahmungen desselben durch Menschenhand. Die Beherrscher des altpersischen Reichs in der Zeit seiner höchsten Blüthe umgaben ihre Schlösser und Burgen mit ungeheuern Gärten, die gleichsam die Scheidewand bildeten zwischen ihren prachtvollen Wohnungen und dem Lande, deß Volk sich ihrem Willen beugte. Noch weiter reichte der Arm der „Söhne des Himmels“, der chinesischen Kaiser. Sie wandelten nicht nur die Gefilde um ihren Residenzen in viele Quadratmeilen umfassende anmuthige Parks um, sondern bedeckten auch weite Strecken fruchttragenden Landes um dichtbevölkerte Städte mit Lustgarten-Anlagen. Diese Sitte schlug auch im Abendlande Wurzel, und zwar zunächst bei den Römern; die Gärten eines Pompejus, Hortensius und namentlich des Hadrian bei Tivoli werden noch heute in ihren Schilderungen und in ihren Ruinen bewundert.
Was wir von diesen Anlagen wissen, führt zu dem Gedanken, daß diese Gärten nichts weniger als ein Paradies für die Völker gewesen seyn können, auf deren Kosten sie erstanden, sondern daß sie bloß ein Paradies für die Herren waren, von denen das Volk ohnedies glaubte, daß sie schon auf Erden ein Leben wie im Himmel hätten.
Warum verfielen die alten Griechen nicht auf solche Parkschöpfungen? Waren sie ihrem gesunden Natursinn oder ihrem ausgebildeten Kunstsinn zuwider? Bedurften ihre architektonischen Werke keiner besonders berechneten landschaftlichen Umgebung? War ihre Kunst so aus der Natur ihres Landes herausgewachsen, daß beide schon an sich stets ein harmonisches Ganzes bildeten? Genügte ihnen die Natur in ihrer Natürlichkeit? Diese Fragen mag ein Anderer beantworten; aber Thatsache ist’s, sie wußten von Parkanlagen nichts.
Die Parks der Gegenwart, welche wir bald als weite über Wiesen und Wälder ausgedehnte Gärten, bald um große Landsitze ausgebreitet, bald um ganze Städte herumgezogen oder zur Verbindung von fürstlichen Stadt und Landschlössern angelegt sehen, fanden ihren Ursprung in England. Sie waren zuerst Thiergärten oder Jagdparks. Denn als die Kultur mit Beil und Pflug in die Urwälder brach, feste Wohnungen erstanden, Heerstraßen die Länder durchschnitten, Wälder gelichtet und Seen und Teiche ausgetrocknet wurden, sahen die großen Herren ihre Jagdlust gefährdet und waren zu guter Zeit besorgt, ihr eine ungestörte Zufluchtsstätte zu bereiten. Wenn die alten Chroniken Recht haben, so war der englische König Heinrich I. der Mann, welcher die Thiergärten erfand, – auch ein Fall, daß ein König etwas Dauerhaftes erfunden hatte. Er ließ nämlich bei Woodstock in Oxfordshire einen wildreichen Waldraum mit einer sieben (engl.) Meilen langen Mauer einschließen. Sein Beispiel fand Nachahmung. Adel und Geistlichkeit gründeten Jagdparks in Menge; der einzige Bischof von Norwich hatte vierzehn dergleichen. Die Erfindungen der Edelleute gehen leicht in fremde Länder über; diese kam zunächst nach Deutschland, der zweiten Heimath der noblen Passionen, wo sie auch ihre weiteste Verbreitung gefunden hat, ohne jedoch die englischen Originale an Größe, Pracht und Naturfrische erreichen zu können.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1848, Seite 102. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_13._Band_1848.djvu/110&oldid=- (Version vom 29.4.2025)