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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band | |
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Provinzen beitragen konnte, wurde vom Staate auf die liberalste Weise befördert. Handel und Gewerbe erfreuten sich unbeschränkter Freiheit; der Ackerbau wurde seiner Lasten enthoben und blühte, vom Handel unterstützt, rasch empor; Wohlstand und Reichthum verbreiteten sich mit außerordentlicher Schnelligkeit durch’s ganze Reich und Kunst und Wissenschaft und ihre Anstalten fanden Aufmunterung. In den rasch wachsenden Städten der Provinzen erhoben sich Prachtgebäude, die mit den schönsten und größten Roms wetteiferten: Theater, Bäder, Hallen für Volksversammlungen, Gerichtshöfe, Tempel, Kirchen und Triumphbögen: Werke, deren Ueberreste nach fast zwei Jahrtausenden als die Zeugen Roms die Welt in Erstaunen setzen.
Unter diese Werke sind auch die Wasserleitungen zu rechnen. In der That gehören sie zu den größten und ehrwürdigsten Unternehmungen, welche den Geist Roms charakterisiren und das menschliche Genie gefaßt und ausgeführt hat. Fast jede bedeutende Stadt im Römerreiche hatte einen Aquädukt. Während in unserer, ihrer Kultur sich so hochbrüstenden Zeit selbst die Hauptstädte großer Reiche Mangel an gutem Trinkwasser leiden müssen, anerkannten die Römer die Herbeischaffung des besten, gesündesten Quellwassers für eine unerläßliche Staatspflicht, und sie übten sie mit einem Luxus, ja, mit einer Majestät, an welche wir nicht einmal zu denken wagen. Hat auch hier und da ein Architekt der Neuzeit sich erkühnt, die Alten nachzuahmen: so gehören doch diese schwachen Werke fast nie dem öffentlichen Wohl; sie wurden errichtet um der Laune einer Maitresse, oder der Prunkliebe der Könige willen, sie sind Monumente des fürstlichen Uebermuths, der Verhöhnung des Volkselends, der bodenlosen Verschwendungssucht. Ihr Anblick kann nur betrüben oder erzürnen: erfreuen kann er nicht. Ein Ludwig XIV. mochte wohl Aquädukte über Thaler und Ströme hin bauen und ferne Gewässer nach seinen Schlössern und Gärten leiten, um kindische Wasserkünste zu nähren, oder plätschernde Springbrunnen oder Seen zu füllen, um die Gondeln seiner Höflinge zu tragen: doch den Großstädten seines Reichs ließ er Trinkwasser aus verfaulenden Holzröhren zufließen: für’s Volk waren seine Werke nie. – Doch selbst diese angegafften Werke der unsinnigsten Verschwendung: was sind sie, trotz der Millionen, die sie gekostet haben, anders, im Vergleich zu jenen Römerbauten, als Kinderspiel gegen Männerwerk? Während die römischen Aquädukte nach 20 Jahrhunderten noch Bewunderung erwecken und durch ihre Festigkeit der Ewigkeit Trotz zu bieten scheinen, sind jene meistens schon verfallen. –
Die Bauart dieser Römerwerke war von jeher für den Architekten eine Fundgrube des Studiums, an der er lernen konnte, wie man die höchste Zweckmäßigkeit mit Grandiosität ohne Verschwendung und Eleganz mit der äußersten Dauer, zu verbinden hat. Vitruv und Frontin haben uns beschrieben, wie die römischen Baumeister bei der Anlegung der Aquädukte zu Werke gingen. War zuerst die Wassermenge, welcher man bedurfte, ermittelt, so prüfte man mit größter Sorgfalt, oft bis zur Entfernung von 10 Meilen, alle Quellen, welche
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1848, Seite 5. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_13._Band_1848.djvu/13&oldid=- (Version vom 22.4.2025)