Seite:Meyers Universum 13. Band 1848.djvu/137
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band | |
|
|
Fressender, verzehrender Hader entzweit diese Zeit ärger als jede frühere, und doch führt keine häufiger die Einheit im Munde. Woher dieser Widerspruch? Ich will’s euch sagen: weil sie sich schämt, eine christliche Zeit zu heißen. Der Strom der Demokratie, der seine Fluth über die zivilisirte Erde wälzt, verleugnet seine lautere Quelle, und die Lehre von der Volkshoheit verirrt sich in künstliche, hinfällige Systeme, statt daß sie auf dem ewigen, unerschütterlichen Fels des Christenthums, als Grund der Demokratie, fortbauen sollte. „Werdet Christen, damit ihr frei werdet!“ rief schon Huß dem Volke zu – und bis auf Lammenais herab haben die größten Geister, die für die Emanzipation der Völker wirkten, die Nationen auf das Evangelium, als den rechten Kodex der Freiheit und Gleichheit, hingewiesen. Die Lehre Dessen, welcher als Demagog den Kreuzestod gelitten, die Christuslehre, indem sie die Gleichheit aller Menschen vor Gott verkündigte und gerade aus dem Proletarier- und Arbeiterstande ihre ersten Organe wählte, (Mauthner, Schiffer, Fischer und Handwerker waren die Jünger), brach mit dem Sklaventhum zugleich das Kasten- und das Ständewesen und stürzte alle Schranken zwischen Hoch und Niedrig ein. Christus, der Erlöser, sprach das große Wort: Alle Menschen sind Brüder. Er hat der Freiheit Brücken gebaut überall; er hat die Regierungsgewalt gesänftigt, indem er ihren Bestand auf Recht und Gesetz gegründet; er hat anerkannt die geistige Ebenbürtigkeit aller Menschen: denn auch die Untersten erklärt er durch die Taufe zu Wiedergebornen! – Mit dem gemeinsamen Bande der Liebe, der Freiheit und Gleichheit will er ein Volk nicht nur, er will damit alle Völker in eine einzige Gemeinschaft verschlingen, damit sie nicht mehr wie feindliche Wesen, sondern wie Brüder in einem Leibe wohnen, damit sie wie Glieder eines Körpers, wie die Fakultäten einer Seele, – alle sich einander dienen, helfen, nützen und in freiem Wirken dem einen Ziele zustreben, dem der allgemeinen Menschenbeglückung! Schöpft, ihr Völker, die ihr Selbstregierung und Freiheit wollt als Grundlage glücklicherer Zustände, an der wahren Quelle der Demokratie eure Lehren und Grundsätze, und der Wirrwarr der Begriffe, der jetzt den Verstand von so Vielen umnebelt, wird schwinden, – es wird helles Sonnenlicht in die Geister dringen, die jetzt von qualmenden Pechfackeln der Leidenschaft ihren trüben Schein bekommen, und das, was die Demokratie überall noch entbehrt – Maß und Ordnung – wird nicht länger vergeblich zu suchen seyn. Christus – nicht der Pfaffengott, sondern der an’s
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1848, Seite 129. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_13._Band_1848.djvu/137&oldid=- (Version vom 30.4.2025)