Seite:Meyers Universum 13. Band 1848.djvu/14

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

über dem Niveau des Orts lagen, wohin man sie führen wollte, sowohl nach ihrer Stärke als nach ihrer Zusammensetzung. Der Hauptzweck: das gesündeste Trinkwasser, welches zu erlangen war, herbeizuschaffen, wurde niemals dem Kostenpunkte geopfert. Wenn nun die Frage, welche Quellen herzuleiten seyen, ermittelt war, so erfolgte die Leitung selbst mittelst sorgfältig gemauerter Kanäle, in denen das Wasser in metallenen Röhren, oder in Rinnen von Quadersteinen lief. Traf man auf Berge, so wurde der Kanal durch dieselben geführt; traf man auf Thäler, so ruhete er auf Bogen, die, brückenähnlich, aus ein, zwei oder drei Bogenreihen über einander bestanden und bisweilen eine Höhe von 150 Fuß erreichten. In gewissen Zwischenräumen sammelte sich das Wasser, der Klärung und Verstärkung des Drucks wegen, in großen Behältern (Piscinae). An seinem Bestimmungsorte wurde es in besondern Brunnenhäusern (Castella), welche große überwölbte Bassins einschlossen, aufgefangen und von hier aus mittelst metallener Röhren in die verschiedenen Stadttheile, in die Bäder, Häuser, Gärten etc. geleitet. Für die Benutzung wurde eine billige, die Kosten der Unterhaltung deckende, Abgabe an den Staat entrichtet.

Die imposantesten und riesenhaftesten Nquádukte besaß Rom selbst. Hier und in der Umgebung der Stadt, wo sich die Pracht und der Pomp des Weltreichs zusammendrängten, wurde auch der Bau der Wasserleitungen zur größten Vollkommenheit gebracht, und namentlich in der Kaiserzeit bot er Erscheinungen dar, die an das Unglaubliche grenzen. Mehre führten das Wasser 20 bis 30 Stunden Wegs herbei, über eine Menge Thäler und durch den Leib der Berge hin. „Wenn wir,“ berichtet Plinius, „die Wassermenge betrachten, welche durch die sämmtlichen Aquädukte für den Gebrauch der vielen Bäder, Fischteiche, Springbrunnen, künstlichen Seen und Wasserfälle, für die unzähligen Wohnungen, für die Gärten und Villen der Umgebung herbeigeführt wird; wenn wir die Werke selbst mustern, welche diesem Zwecke dienen, diese mächtigen Kanäle, die in hoch über einander gewölbten Bogen, wie Giganten, von Berg zu Berg über die Abgründe schreiten und weite Thaler überbrücken, oder auf großen Strecken unter Fels und Wald hinkriechen, oder Städte und Schlösser auf ihren Rüden tragen, dann muß man selbst in Rom, das des Wundervollen so viel schauen läßt, sagen, es gibt nichts Staunenswürdigeres auf der ganzen Welt.“ Rom hatte nicht weniger als 14 Aquädukte. Der älteste war die Aqua Appia, erbaut 305 Jahre vor unserer Zeitrechnung. Schon 40 Jahre nachher führte die berühmte Leitung des M. Curius Dendatus die herrlichen Quellen um Tibur vereinigt nach Rom. Sie ist 8 Stunden lang und fast ganz unterirdisch. Jetzt sind von allen noch drei übrig. Diese versorgen jedes Haus, so wie alle öffentlichen Brunnen, die meisten Gärten und Landhäuser des heutigen Roms auf’s reichlichste mit Wasser. Alle andern sind Ruinen, welche der Landschaft um Rom zur eigenthümlichsten und großen Zierde gereichen. Nichts geht über den Anblick dieser mit Epheu und wildem Gebüsch umkleideten Ueberreste, welche in langen, oft wenig unterbrochenen Reihen von allen Seiten über Berg und Thal der ewigen Stadt zuziehen.