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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band | |
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Wir werden gewiß noch den großen Festtag erleben, an dem man auf der Karte von Europa lesen wird: „Vereinigte Freistaaten von Deutschland –Vereinigte Freistaaten von Italien.“ Wie es aber auch komme, Sizilien gehört der Ruhm, daß es den Reigen der italienischen Volkserhebung eröffnete.
Jedes Land hat geistige Mittelpunkte. Diese sind nicht nimmer die Residenzen der Fürsten oder die Hauptstädte offizieller Bezeichnung. Hanau ist z. B., was geistige Regsamkeit und politische Bildung angeht, die Hauptstadt von Kurhessen, Nürnberg die Hauptstadt von Bayern, Leipzig von Sachsen, und so ist Messina die von Sizilien. Seine Lage in der Meerenge, dem Festlande gegenüber, hat es von jeher zum ersten Angriffs- und Vertheidigungspunkte der Insel gemacht. Eine Einwohnerschaft, welche oft in Gefahr ist und im Anblick der Waffen auflebt, wird immer die schlagfertige Faust einer Nation seyn. So finden wir denn auch in der ganzen Geschichte von Sizilien Messina stets als Wecker der Insel. Jeder Versuch zum Erkämpfen der Selbstständigkeit fand hier seine ersten Kräfte und keine Stadt der Insel zählt eine solche Menge von Katastrophen, eine solche Anzahl von Aufständen, Belagerungen, Siegen und Niederlagen. Fast jede Generation hat hier Tage des Unglücks erlebt, sey es im Kampfe mit äußern Feinden oder mit tyrannischen Herren, oder unter der Geißel zerstörender Naturkräfte, vor deren Allgewalt die Menschenkraft in Ohnmacht vergeht.
Denn Messina steht auf beweglichem Boden und ist Preis gegeben der verheerendsten und fürchterlichsten aller Naturerscheinungen, welche die Menschheit heimsuchen. Die höchste europäische Esse der Erdschmelze steht an seinen Thoren. Doch so malerisch-schrecklich auch das Bild ist, welches der flammenspeiende Aetna den Messinesen manchmal zeigt, wenn glühende Lavaströme von seinem Gipfel herabfließen, so ist das doch nicht mit den Gefahren zu vergleichen, welche für Messina aus den Erdbeben entstehen, welche es schon mehrmals verwüsteten. Fast kein Monat vergeht, ohne daß nicht mehr oder minder heftige Oscillationen des Erdbodens die Einwohner an die Gegenwart des Feindes erinnern, welcher, im Leibe der Erde verborgen, von Zeit zu Zeit seine Hand herausreckt, um zu vernichten: – an den Feind, vor dem, wenn er sich erhebt, die Berge den Boden der Thaler küssen, die Ströme ihre Betten verlassen, der finstere Meergrund aus der Tiefe emporsteigt an’s Licht der Sonne, Quellen vertrocknen, Flammen aus der gespaltenen Erde steigen und die starren Felsmauern der Küsten, die für die Ewigkeit gebaut scheinen, zerbrechen wie dünnes Glas und in Trümmern in’s Meer stürzen. Die Umgegend von Messina zeigt überall noch das Bild der Wandlungen, welche sie in Folge der Erdbeben fort und fort erlitten. Man erkennt bis zu einer Höhe von 50 Fuß über dem Meere die alten Uferlinien und Meergründe in wechselnden Schichten von Kalk und Muscheln und ein mehrmaliges Heben und Senken des Bodens zeigt sich an tausend Stellen. In einem Traßbruche an der Küste fand man sogar Bruchstücke von Schiffen und bei stiller, klarer See gewahrt man noch alte Bauruinen in bedeutender Entfernung vom Ufer.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1848, Seite 132. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_13._Band_1848.djvu/140&oldid=- (Version vom 30.4.2025)