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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band | |
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Es ist der traditionelle Glaube der Messinesen, daß, so lange der Aetna Lebensthätigkeit zeigt, so lange die Esse raucht oder seine Flammensäule die Nacht erleuchtet, keine Erdbebengefahr vorhanden ist. Wenn hingegen die Rauchwolken des Gipfels schwach werden, oder gar verschwinden, dann erwartet man Erschütterungen, und sie äußern sich entweder durch ein unschädliches, leises, oft mehre Tage andauerndes Zittern des Erdbodens, oder durch mit dumpfem Getöse verbundene wellenförmige Bewegungen, welche die gewöhnlichen Vorläufer der Explosionen sind. Schrecken und Angst ergreift dann jeden Menschen. Sein Glaube an die Ruhe und Stetigkeit, an die Festigkeit und Sicherheit des Starren, auf dem er steht, fällt von ihm, und die geheimnisvolle Naturkraft, welche das Starre bewegt, tritt ihm urplötzlich, handelnd und mit ihrer ganzen Schreckensgestalt entgegen. Ein Augenblick macht gewohnte Vorstellungen zu nichte. Die Ruhe der Erdfeste erscheint als Lüge, man fühlt sich wehrlos in der Gewalt unbekannter Mächte. Selbst die Thierwelt theilt das Gefühl des Schreckens. Der Hund rennt heulend umher, das scheue Wild verläßt die Wälder und irrt um die Wohnungen, als suche es Zuflucht und Hülfe bei den Menschen; die Ungeheuer der Tiefe steigen aus dem Meergrund und versammeln sich am Ufer; die Heerden laufen blöckend von der Weide, oder stürzen sich, um dem wankenden Boden zu entfliehen, verzweiflungsvoll in’s Meer. Dem Menschen stellt sich die zerstörende Naturkraft als etwas Allgegenwärtiges, Unbegrenztes dar, und das raubt ihm die Besinnung. Er glaubt sich überall, wohin auch die Flucht gerichtet sey, über dem Herde des Verderbens, und in diesem Glauben ergreift er entweder gar kein Mittel zu seiner Rettung oder die verkehrtesten. So rannten in dem schaudervollen Erdbeben von 1783, welches Messina’s Pracht in wenigen Stunden zerstörte, Tausende in die Kirchen, um das Erbarmen Gottes anzurufen, und wurden von den einfallenden Thürmen zerschmettert, und andere Tausende lagen händeringend auf den Knieen in den Straßen, bis sie die einstürzenden Häuser begruben. 14,000 Menschen verloren damals ihr Leben und die Stadt selbst wurde ein Schutthaufen. Dennoch erhob sie sich wieder zur prächtigsten Stadt Siziliens im Laufe eines halben Jahrhunderts, während welcher Zeit zwar leichte Erschütterungen dieselbe zuweilen in Angst setzten, doch ohne verwüstende Folgen. Aber Messina’s neue Blüthe, welche die furchtbare Naturgewalt so lange verschont hatte, ward von der Hand Dessen teuflisch geknickt, der sie pflegen sollte – von der Hand ihres Königs. Kaum sind einige Monate vergangen, seitdem der gekrönte Schurke, welcher, mit dem Fluche und Unglück seines Volkes beladen, in Neapel zu Thron sitzt, jenes Bubenstück gegen Messina verübte, in Folge dessen die herrliche Stadt von Mord, Brand und Plünderung verheert worden ist. Die Kraft ihres Lebens ist nun gebrochen bis zur innersten Wurzel. Und warum opferte der Mann von Gottes Gnaden Messina und mit ihm zugleich 8000 seiner Krieger, die blinden Werkzeuge seiner Despotie? Beherrschten die Kanonen seiner Zitadelle nicht vor der Zerstörung die reiche Stadt auch? und ist die
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1848, Seite 133. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_13._Band_1848.djvu/141&oldid=- (Version vom 30.4.2025)