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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band | |
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nur in dem Bestreben, beide Göttergaben als Zügel und Peitsche zu handhaben und damit die großen Massen nach Belieben zu den von der Selbstsucht ersonnenen Zwecken hinzutreiben. Herbei mit allen Landkarten der alten Welt! Sucht mir da den Staat, wo die Macht immer nur auf die Wohlfahrt Aller gerichtet gewesen wäre! In den Reichen der Vorzeit? Nirgends! Ueberall gab es herrschende Kasten und unterjochte Massen. Selbst der edle Grieche, selbst der freiheitliebende Germane hatte Sklaven! In den Ländern des Orients? Dort liegen die Türkei und China! Im Abendland? In Europa, dem Mutterbrunnen aller Wissenschaft der Erde, aller Weisheit der Welt? – Hier hat sich der beleidigte Geist der Menschheit am furchtbarsten gerächt. Dieselben drei Genien, welche berufen sind, den Einzelnen seiner höchsten Entwickelung, die Nationen der möglichsten Veredelung, die Menschheit ihrem Ziele entgegen zu führen, Politik, Justiz und Religion – (Staat, Recht und Glaube!) – sie wurden die blut- und beutegierigen Dämonen der Völker, sie zerrissen, was Gott verbunden hatte, sie besudelten, was rein in des Menschen Brust gelegt war, sie hetzten das heiligste zu Tode. Man nenne nur Namen, wie Portugal, Spanien, Frankreich, Irland, Italien, England, Polen, Scandinavien, Rußland, Oesterreich, Deutschland – und heraufbeschworen ist ein wildes Heer von Bürgerkrieg, Faustrecht, Mönchswesen, Inquisition, Papstthum, Ketzerverfolgungen, Füsilladen, Dragonaden, Mätressenthum, Prinzenthum, Pfaffenthum, Fürstenlug, Hexenprozessen, Scheiterhaufen, Bilderabbitten, Volkselend, Volksverhöhnung, Volksverrath, Nationalschmach, Volksverdummung, Völkermord; von erschlagenen, gehenkten, geköpften und erwürgten Kaisern und Königen; von Kinderraub, Kongressen, Bundestag, Finanz- und Aussaugungskünsten, Standrecht und so weiter! – Wie viele Jahrhunderte lang hat im bildungsstolzen Europa der religiöse und politische Fanatismus gewüthet, um die Ausgeburten aller Scheußlichkeiten an das Licht zu bringen! Und wo sind die Zeiten, wo etwas anderes herrschte, als Eigennutz und schmutzige Habsucht? Der Kampf dieser niedrigsten der Leidenschaften tritt überall hervor; am ärgsten aber in den Monarchien der Gegenwart, wo sie zwischen den Elementen der Gesellschaft einen ewigen Krieg stiften. Da sehen wir die Aristokraten bald den Fürsten, bald dem Volk dienen, wie ihr Vortheil es verlangt, die Fürsten bald mit den Edelleuten, bald mit den Massen liebäugeln, um Beide nicht aufkommen zu lassen: die Pfaffen aber sehen wir Allen dienen und Alle betrügen.
Zwischen den Parteien, welche keinen andern Gott haben, als die Selbstsucht, wandeln einsam mit Glaubenlicht, Erlöserkreuz und Hoffnungsanker die treuen Freunde des Volks. Es sind in jedem Jahrhundert deren nur wenige unter Millionen herauszufinden: die Macht ist ihr Todfeind, die Gewalt verfolgt sie, im Kampfe mit ihr siegen oder sterben sie, und kein Ueberwundener ist je ungebrandmarkt geblieben; denn wo die Herrscher und ihre Gesellen sich nicht an ihnen zu vergreifen wagen, vollbringt ihr Pöbel das Rachegeschäft. –
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1848, Seite 138. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_13._Band_1848.djvu/146&oldid=- (Version vom 30.4.2025)