Seite:Meyers Universum 13. Band 1848.djvu/174
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band | |
|
|
das Karlsbader Wasser an Heilkraft jedes andere Mittel. Nicht weniger wirksam zeigt es sich bei hartnäckigen Gichtleiden. Oft hebt es die ganze Krankheit; fast immer aber schafft es Linderung, schwächt des Uebels zerstörende Kräfte, oder bewirkt, daß die Zufälle Jahre lang schweigen. Merkwürdig ist auch die große Wirksamkeit der Quellen auf die tropischen Krankheiten. Jedes Jahr kommen Unglückliche aus Ost- und Westindien etc., die mit den fürchterlichsten Leber- und Milzkrankheiten behaftet sind, um hier das letzte Rettungsmittel zu versuchen, und viele kehren geheilt zurück.
Bei der Kur wird gewöhnlich mit den kühlern, gelinder wirkenden Quellen: – dem Mühl-, Schloß- oder Theresienbrunnen, begonnen. Das drastischer wirkende Sprudelwasser fordert Vorsicht und sollte nur auf den ausdrücklichen Rath des Arztes getrunken werden. Die gewöhnliche Dosis einer Morgenkur ist für Erwachsene 10–15 Becher. Bäder dienen zur Unterstützung. Die Kurdauer ist gemeinlich 5–6 Wochen (im Juni und Juli). Als Nachkur gebrauchen viele Kranke Teplitz, Franzensbad, seltener Marienbad, auf 14 Tage. –
Es ist ein ungezwungenes, großstädtisches Leben im Karlsbade, und die Schönheit und Mannichfaltigkeit der Gegend, die Gemüthlichkeit und theilnehmende Freundlichkeit der Bewohner, die in jedem Kurgaste einen Pflegebefohlenen erkennen, wirken beruhigend, aufheiternd und versöhnend auf die Leidenden und tragen dazu bei, die Kur zu befördern. Schon das schmetternde Willkommen der Trompeten, welches jeden Neuankommenden von dem Thurme empfängt (ein uralter Gebrauch), hat was Gastliches, Festliches und macht einen frohen Eindruck. Am nächsten Abend grüßt gemeinlich das städtische Musikkorps durch ein Ständchen unter seinen Fenstern, und von den Hausleuten auf das Zuvorkommendste und mit Herzlichkeit bedient, mischt sich der Badegast ungenirt und unbeachtet unter das bunte Gewühl am Brunnen, der eine Welt im Kleinen, alle Raçen, alle Sprachen, alle Sitten, Religionen und Trachten, alle Stände, alle Völker um sich versammelt. Leicht fühlt man sich hier wie zu Hause, obschon Keiner zu Hause ist, und das Bedürfniß der Geselligkeit läßt die interessantesten Bekanntschaften knüpfen und gibt dem Scherz und Frohsinn Flügel. In den Nachmittagsstunden spielen Musikbanden auf verschiedenen Punkten der Promenade; Konzerte, Theater, Bälle, Reunions füllen die Abende aus. Aber am anziehendsten ist die Natur in den herrlichen Spaziergängen, welche den Kurort stundenweit umgeben, und wenn das Wetter weitere Ausflüge nicht begünstigt, so bleiben doch der Posthof und das Dorf Hammer, Karlsbads Prater, immer zugänglich, auf dessen breiter Straße die eleganten Equipagen in langer Reihe hinrollen, während die Fußgänger auf schattigen Sandpfaden wandeln. In Hammer sammelt sich jeden Nachmittag eine zahlreiche Gesellschaft, die, unter dicht belaubten Bäumen, oder schützenden Zelten, ihren Kaffee, oder Forellen, Butterbrod und Flaschenbier verzehren. An heitern Abenden eilt Alles auf die Wiese, lauscht da der herrlichen Konzertmusik und sucht Bekannte auf.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1848, Seite 166. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_13._Band_1848.djvu/174&oldid=- (Version vom 6.5.2025)