Seite:Meyers Universum 13. Band 1848.djvu/187

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Betrachten wir das Bildchen! – Das ist auch ein Stückchen Papier, auf dem der Freiheitsglaube und das Gottvertrauen einer Nation unsichtbar geschrieben steht. – „Neuilly,“ schreibt man mir aus Paris, „Neuilly, der Lieblingsaufenthalt der letzten Königsfamilie in Frankreich, soll als Nationaleigenthum versteigert werden, und das Volk las die Annonce an den Straßenecken und es weinte vor Freude; denn das Plakat sagt ihm mit der Kraft eines Evangeliums: die Revolution ist nicht gestorben.“

Mögen die Royalisten in ganz Frankreich Geld sammeln für die Opfer der legitimen Treue; mögen sie ihre Wahlkollegien aufrichten an tausend Orten: ihr Thun ist hoffnungslos, denn „Neuilly soll versteigert werden!“ das heißt:

Die Dynastie Orleans kehrt nie wieder!

Sie, deren Sturz das Signal zur Erhebung von ganz Europa war, bildet in der Gallerie der Dynastien eine Erscheinung, die der Betrachtung wohl werth ist.

Die Linie der Herzöge von Orleans aus dem Hause Bourbon hat den Gepriesensten des Geschlechts, König Heinrich IV., zum Stifter. Doch sein Geist ruhte nicht auf ihr. Wenn auch einmal größeres Talent Einzelnen innewohnte, so wurde es nur zu einer Quelle des Unglücks für Frankreich; denn dann wurde stets von der herrschenden Linie der Bourbons mit teuflischem Eifer an der körperlichen und geistigen Entnervung solcher Familienglieder gearbeitet. Man fürchtete einen Rivalen im nächsten Verwandten; also mußte er unschädlich gemacht werden. Schamlose Liederlichkeit und alle Laster, welche in ihrem Gefolge gehen, wurden so das Erbe der Orleans und sie dadurch frühzeitig zum Fluch für das ganze Reich. Ihr schlechtes Beispiel wirkte von Generation zu Generation zerstörend und zersetzend auf Sitte und Tugend in allen Kreisen. Gleich der zweite dieser bourbonischen Herzoge von Orleans, der dritte Sohn Heinrich IV. und Bruder Ludwigs XIII., Johann Baptist Gaston, mußte, weil der königliche Bruder die raschen Fortschritte derselben in allen geistigen und körperlichen Uebungen mit Neid und Eifersucht bemerkte, in eine Umgebung gebracht werden, die ihn wieder verdarb. Der Prinz that es bald in Schlechtigkeit allen Andern zuvor und damit und mit ohnmächtigen Anstrengungen, dem König und Richelieu, dessen Herrn und Minister, durch öffentliche Aufstände, Einbrechen mit fremden Truppen, geheime Bündnisse und Verschwörungen Achtung und Anerkennung abzuzwingen, verbrachte er sein Leben und vernichtete sein Glück und seine Ehre. Treulos war all sein Beginnen, er verließ und verrieth seine ergebensten Freunde, kämpfte gegen die eigenen Verbündeten und blieb eine Pestbeule des Reichs, bis er, aus Paris verbannt, auf seinem Schlosse zu Blois (1660) starb. Sein Sohn Philipp I. ist der Gründer des Reichthums der Familie Orleans, denn er vereinigte nach und nach mit Orleans die Herzogthümer Valois, Chartres, Nemours