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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band | |
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Ludwig Philipp Joseph war in der ersten Blüthe einer der schönsten und geistvollsten Jünglinge in Frankreich, bevorzugt vor Millionen durch Talent und Geburt. Aber noch hatte er das achtzehnte Jahr nicht erreicht, so war sein Körper von ekelhaften Krankheiten zerfressen, sein edles Gesicht von Geschwüren und Ausschlag entstellt, sein Herz vergiftet, sein Geist an das Gemeinste, Abscheulichste gewöhnt und er selbst ein Gegenstand des Abscheus und Entsetzens. Wie vom Volke, so vom Hofe gehaßt, zettelte er gegen diesen schmutzige Intriken an, wie dies überhaupt längst ein erbliches Streben in der Familie Orleans geworden war. Vor Allen verfolgte er die Königin Maria Antoinette mit dem bittersten Groll. Zwei Parteien, die der Königin und die des Prinzen, zerspalteten in Kurzem nicht nur den Hof, sondern ganz Paris. Das Gewirre der Kabale schien die Pausen der Ausschweifungen des Herzogs ausfüllen zu sollen, und erst als es ihm nicht mehr Abwechselung genug bot, verlangte er einen hohen Kriegsposten. Er erhielt, statt den Rang eines Großadmirals, nur ein untergeordnetes Ehrenkommando, in dem er in der Schlacht bei Guessant gerade so wenig Muth zeigte, daß zum Haß auch der Spott des Hofes und des Volks kam. In gleichem Schritt entfernte er sich vom Hofe und versank tiefer und tiefer in den Pfuhl der entehrendsten Laster. Nichtswürdigkeit konnte kein Hinderniß seyn für das Großmeisteramt der Freimaurerlogen in Frankreich, das ihm neue Werkzeuge der Intrike in die Hände gab. Beharrlich in der Schlechtigkeit, blieb er auch beharrlich in der Opposition gegen König und Hof. So fand ihn die Revolution, welche er als ein willkommenes Mittel der niedrigsten Leidenschaften begrüßte. Er wurde Mitglied der Nationalversammlung und nannte sich fortan – Bürger. Er verwendete Vermögen und Einfluß zur Anzettelung unaufhörlicher Aufstände, um die Macht des Königs zu stürzen. Er gedachte den Thron einzunehmen, wenn er den legitimen Inhaber vertrieben. Darum begab er sich eine Zeitlang nach England, wo er mit versteckter Arglist den Plan zur Ausführung vorbereitete, die Nation um den Preis der Revolution zu betrügen und sich selbst als ihr Erbe auf Frankreichs Nacken zu setzen. Er kehrte zurück, wurde der Bannerträger der Jakobiner, girirte sich als Sansculotte und trank das Blut der Aristokraten und Royalisten in vollen Zügen. Doch überfiel ihn zuweilen mitten im gräßlichen Spiel der Paroxismus der Feigheit und es rüttelte ihn der Gedanke auf, daß er selbst mit seinem Vermögen nur ein Werkzeug zu Parteizwecken sey, die über das Ziel seiner Pläne hinausstrebten. Er sann endlich auf Umkehr. Zu spät! Des Hochverraths an der Revolution schuldig, fiel das sündenbeladene Haupt unter dem Fallbeil, dem das Ungeheuer Tausende von Unschuldigen als Opfer geliefert hatte.
Ueber Louis Philipp, „den letzten Bahrträger des Königthums in Frankreich,“ hat das Schicksal gerichtet, das ihn erzog und das er betrog, wie noch nie ein Fürst ärger es gethan. Wird nun Dunkel das fluchbeladene Geschlecht umhüllen, oder wird es noch einmal auf die Woge der Zeit gehoben werden und Macht empfangen, Völkerwehe zu schaffen und Nationen zu peinigen? Wer antwortet auf diese Frage?
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1848, Seite 181. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_13._Band_1848.djvu/189&oldid=- (Version vom 6.5.2025)