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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band | |
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„für die Ehre des Pantheons“ zu rechtfertigen. Und es zogen ein in das stolze Haus des Ruhms: – wer? die Trefflichsten? nein! die wilden Thiere des Schreckens – voran Marat, das Ungeheuer, von dem die reine Hand eines opfermuthigen Mädchens das Land erlöst hatte. Charlotte Corday fiel auf dem Schaffot und ihr Haupt wurde den Hunden vorgeworfen; aber Marats Leichenzug zum Pantheon war ein Triumphzug und zu seinem Grabe pilgerte das rasende Volk wie zum Schrein eines Heiligen! Marat im Pantheon! – Was ist der Ruhm? Der Widerhall der Stimme der blinden, dummen, feigen Menge. Den Landräubern, den Despoten, den großen Schurken, den Peinigern der Völker hat es niemals an Lorbeerkränzen gemangelt: ein Cäsar trug sie und ein Alexander, ein Attila und Dschinghis-Chan, und ein Friedrich Wilhelm IV. sogar kann sie noch erwerben, wenn seine Anschläge auf Unterjochung und Eroberung gelingen. Zum Ruhm bedarf es nicht Vernunft, nicht Gerechtigkeit, nicht Freiheit, nicht Ehre: es bedarf nur – Erfolg. Was das Göttliche in uns als das Ruhmwürdige wirklich bezeichnet, – das hat schon längst keinen Kurs mehr bei den Spendern der Ehren: der Dummheit und Schlechtigkeit der Massen und dem Despotismus der Gewaltigen. Belege dazu gibt jedes Geschichtsblatt. –
Die Revolution sammelte ihre hervorragendsten Männer in die Zellen des Pantheons, bis der 18. Brümaire die Revolution selbst an die Kette legte. In der Kaiserzeit wurde die Ehre des Pantheons obsolet: Napoleon vermied gern Reminiszenzen, bei denen der Vergleich von damals und früher so nahe lag. Das Pantheon wurde sogar eine Zeitlang geschlossen. Der Kaiser löschte jedoch die Inschrift nicht aus; er machte sie nur mit dem Ruhm der Welteroberung vergessen. Die Restauration war dreister, weil sie dumm war. Sie warf die Särge Rousseau’s, Voltaire’s etc. hinaus, verwies die Leichen der Revolutionsmänner auf den Todtenacker, löschte die Inschrift über der Pforte und gab die Kirche an die Pfaffen und an die heilige Schutzpatronin von Paris zurück. Glorreiche Zeit! Acht Wochen lang dauerte das Abwaschen und Abscheuern des profanirten Tempels mit geweihtem Wasser, das Räuchern, das Messelesen, der Klaggesang der Litaneien, und der ganze Hof steckte sich in das Büßergewand, prozessionirte zu den frischgeweiheten Altären und hörte andächtig die Strafpredigten gegen Revolution und Empörung und die Dankeshymnen für die Wiedereroberung des Heiligthums durch die siegreiche Kirche. Und ganz Paris wurde andächtig und ging wallfahrten zur heiligen Genoveva, wie es früher zum Grabe Marats gepilgert hatte. Was für ein wunderliches Ding ist dies Volk von Paris! Immer schwört’s bei der Ewigkeit, bei der Ewigkeit des Ruhms, der Ewigkeit der Begeisterung, der Ewigkeit der Liebe und Treue und streitet der Wandelbarkeit aller irdischen Dinge ihr Recht ab. Und doch, wo in der Welt ist der Wechsel der Meinung und der Volksgefühle schneller und heftiger als dort? Wo ist ein Volk auf der Erde, das am Morgen seine Götzen williger zerbricht, die es den Abend gemacht hat? „Unbeständigkeit, dein Name ist – Paris!“
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1848, Seite 200. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_13._Band_1848.djvu/208&oldid=- (Version vom 7.5.2025)