Seite:Meyers Universum 13. Band 1848.djvu/217

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

glauben und folgen, als Denen, welche sie in den Abgrund locken; sie, sie selbst haben alle Brücken der Verständigung abgebrochen und sich dem vergeltenden Schicksal überliefert. Befangen in unbegränzter Thorheit, haben sie den großen Zusammenhang der europäischen Gesellschaft und ihrer geistigen Bewegung aus dem Auge verloren; sie haben kein Steuer mehr und keinen Kompaß im Sturme. Die Thatsache, daß die europäischen Völker sich als eine Familie fühlen, die sich wie die Glieder eines Körpers zu einander verhalten, und daß, eben so wie die europäischen Dynastien sich als „eine Vetterschaft“ betrachten, auch die Nationen „eine Brüderschaft“ bilden, die das Gefühl der Freundschaft und das gemeinschaftliche Leid und Weh fest zusammenknüpfen und treu verbinden; – diese Thatsache müßte sie, so sollte man glauben, zur Vernunft bringen und veranlassen, den eingeschlagenen Weg des Verderbens zu verlassen: aber die Wirkung war gerade die entgegengesetzte. Sie hat sie rasend gemacht. Sie sind sich bewußt, daß jede Unbill, die einem Gliede der europäischen Völkerfamilie angethan wird von der Koalition ihrer Dränger, von Allen auf dem Konto der Vergeltung notirt wird; sie wissen, daß der entlegenste Angriff auf das Lebensprinzip der verbrüderten Nationen, auf ihre Freiheit und Selbstherrlichkeit, alsbald reagirt auf die gegenseitigen Verhältnisse von Volk und Fürst bis in die größten Fernen; sie empfinden, wie sie alle mit einander auf wankendem hohlen Boden wandeln und mit jeder Stunde ihres Daseyns auch die Dauer ihres Bestandes zweifelhafter wird; sie können sich dem entsetzlichen Gefühl nicht entwinden, daß mit jeder gesteigerten Anstrengung die Summe ihrer Mittel und Kräfte sich vermindert: – und doch fahren sie fort in ihrem unsinnigen Beginnen, den unabweisbaren Forderungen der Zeit entgegen zu streben und durch die grausamsten Maßregeln der Unterdrückung die Nationen zu schrecken. Als wenn nicht jeder Knabe wüßte, daß die heftigsten Paroxismen die tödtlichsten Krankheiten verrathen, und daß der Fieberkranke, welcher seine Wärter überwältigt, bald ruhig auf der Bahre liegt. Was ist also von dem Toben der rothen Monarchie zu halten, die, erdrückt von der Größe ihrer Schuld und im Glauben und Vertrauen der Völker gänzlich entwurzelt, keine einzige Stütze mehr hat, als – die unzuverlässige Treue ihrer Bedienten und die wankenden Spitzen ihrer Bajonette? – Mit dem Augenblicke, in welchem der Soldat das Netz zerreißt, das ihn gefangen hält; mit dem Moment, wo der Schleier von seinen Augen fällt, der ihn hindert, sich als den Sohn des Landes, – als den Angehörigen des Volks zu fühlen; mit dem Moment, wo er die Bürgerpflicht höher stellt, als den Eid für den Absolutismus: ist auch diese letzte Stütze gebrochen, und dann zerplatzt die stolze Alleinherrschaft wie eine Seifenblase und vergeht wie ein böser Traum! Und diese rothe Monarchie, für deren Grundsätze und Systeme nur noch die dressirten Heere einstehen, diese will es noch für möglich halten, sich auf dem jetzt betretenen Wege wieder zu befestigen? Die glaubt wirklich mit oktroyirten Verfassungslügen noch die Völker zu täuschen und Nationen zu betrügen mit dem Scheinkonstitutionalismus, welchen die Staatsgewalt mit dem Volke theilt, wie der