Seite:Meyers Universum 13. Band 1848.djvu/218
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band | |
|
|
Löwe, indem er alle Knochen auf die eine Seite hinlegt und alles Fleisch auf die andere? Die überläßt sich noch dem Wahne, mit Fürstenkongressen u. dgl. die entrüsteten Nationen zu beschwichtigen, die ihres endlichen Sieges so gewiß sind, als ihres Daseyns? Welcher Täuschung gibt sie sich Preis! Nein! Die Nemesis winkt, der Gerichtssaal ist geöffnet, der Jehovah ist da, der leibhaftig das Urtheil spricht ohne Gnade, nachdem sein Warnen und Dräuen so lange verlacht worden ist als leeres Schreckbild. Der Sturm ist los, gezogen ist das Schwert, und das Schwert allein wird entscheiden. Wir werden sehen, bei wem die Macht ist: ob bei dem Recht oder dem Unrecht, ob bei den Völkern oder ihren Drängern. Aber so viel wissen wir Alle: der gerechte Gott kann nur mit dem Rechte seyn, und Gott ist stärker, denn alle Teufel. – – –
Während der kritische Tag über Alt-Europa blutigroth aufgeht, während das Schicksal die Urne schüttelt, welche die Loose birgt über Leben und Tod des alten Staats, ist über Nordafrika die Sonne heraufgestiegen, welche lange umnachtet gewesenen Völkern neues Leben und Bewegung einhaucht. Unter den Schlägen des erobernden Frankreichs ist dort der Absolutismus in Trümmer gegangen, und die Bürgerfreiheit dringt, befruchtend wie eine Nilfluth, immer tiefer in die sonnverbrannten Völker. Wer wollte in diesem wunderbaren Geschicke nicht auch jene verschleierte Hand erkennen, die dann und wann den Sterblichen sichtbar aus den Wolken herausfährt, um die Dinge an ein Ziel zu bringen, das dem gerade entgegengesetzt ist, welches die berechnenden Menschen im Auge haben? Das königliche Frankreich mußte Nordafrika erobern, um den absolutistischen Plänen einer treulosen Dynastie einen festen Hebelpunkt und, im Nothfall, ein Asyl zu verschaffen; und – als die Eroberung fertig war, siehe! da war sie – für die Republik geschehen. Also hat jene schuldbedeckte Sünderin, die den Mächten des Unterreichs verfehmte Politik der Orleans, wider ihren Willen in Afrika der Freiheit eine feste Burg erbaut, von der aus ihr Genius in der Jahrhunderte Lauf den Welttheil segnend und befruchtend durchschreiten wird. Eine neue Zeit ist dort aufgegangen, eine Zeit der Wandlung und Umgestaltung für die ganze afrikanische Menschheit.
In der That ist der Umschwung, der vom republikanischen Algerien ausgehen wird, gar nicht abzusehen. Man denke: die jugendliche Republik mitten im erstarrten Despotismus; die Volksfreiheit, auferstehend aus den vergessenen Gräbern der alten republikanischen Herrlichkeit, welche in Afrika vor Jahrtausenden blühete und unterm Schutt Jahrtausende schlummerte! Dort ist der Boden, von welchem aus die alten freien Völker Land
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1848, Seite 210. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_13._Band_1848.djvu/218&oldid=- (Version vom 7.5.2025)